Kapitel III

3.1
Saroszyklus und Finsternisjahr

Um dem in astronomischen Dingen unbedarften Leser das Verständnis zu erleichtern, seien hier vorab einige kurze, allgemein gehaltene und einfach formulierte Erläuterungen zum Sarsoszyklus und zu ein paar grundsätzlichen Finsternisbedingungen vorangestellt. Freilich auch nur soweit und so gut ich diese verstanden zu haben glaube und sie mir an dieser einführenden Stelle vom Umfang her nötig erscheinen.

Wer sich umfassender über Finsternisperioden informieren möchte, vor allem den Mond betreffend, dem empfehle ich wärmstens die Internetseite “www.Mondfinsternis.net” von Stefan Krause. Dort unter der Rubrik “Mondfinsternis spezial” im Abschnitt “Vertiefende Beiträge” finden sich verständlich gehaltene, dennoch eingehende Erläuterungen zu den verschiedenen mondbezogenen Finsterniszyklen, darunter auch zum Saros. Meine nachstehenden Ausführungen wie auch Erläuterungen zu finsternisrelevanten Zusammenhängen in den anderen Kapiteln auf dieser Webseite stützen sich, neben weiteren Quellen, auch auf die Seite von Stefan Krause.

Ebenfalls eine gute, Sonnenfinsternisse einbeziehende, inhaltlich schon anspruchsvolle Seite mit Erläuterungen und astronomischen Berechnungen ist die des Schweizers Siegfried Wetzel “www.swetzel.ch“, auf der sich unter der Rubrik: “Astronomie” ebenfalls mehrere Kapitel zur Thematik der Finsternisse finden.1

Zum Verständnis des rund achtzehn Jahre dauernden Saroszyklus wie auch zum Verständnis prähistorischer Möglichkeiten seiner Wahrnehmung sind zwei wesentliche astronomische Komponenten zu unterscheiden. Erste Komponente ist die zeitliche Übereinstimmung von 223 synodischen mit 242 drakonitischen Mondmonaten. Die Länge des synodischen Monats beträgt 29,530589 Tage. Danach zeigt der Mond wieder dieselbe Phase, weil er von der Erde gesehen wieder dieselbe Stellung zur Sonne einnimmt. Dieser Zeitkreis des Mondes wird auch als Lunation bezeichnet.

Die Bezeichnung des drakonitischen Monats leitet sich von lat. draco = Drache ab. Der drakonitische Monat dauert 27,21222 Tage und bezeichnet den Durchgang unseres Trabanten durch denselben der zwei Schnittpunkte seiner Bahn um die Erde mit der Ekliptik, also der Umlaufbahn der Erde um die Sonne. Die zwei Schnittpunkte ergeben sich, weil die Bahn des Mondes um die Erde leicht geneigt ist gegenüber der Umlaufebene der Erde um die Sonne. Ginge diese Neigung gegen Null, würde der Mond in der Erdumlaufebene um die Sonne rotieren. Dann ergäbe sich bei jedem Vollmond eine totale oder gar zentrale Mondfinsternis und bei jedem Neumond eine totale, hybride oder ringförmige Sonnenfinsternis.

Die deutlich kürzere Dauer des drakonitischen gegenüber dem synodischen Monat basiert zum einen auf der zum Mondlauf gegenläufigen Drehung der Mondknotenlinie. Gewissermaßen kommen also die Knoten dem Mond bei jedem Umlauf um die Erde entgegen. Zum anderen muss der Mond bei seinem synodischen Umlauf immer noch ein zusätzliches Stück auf seiner Bahn ausgleichen. Die Erde rückt während eines Mondumlaufs auf ihrer Bahn um die Sonne ein gutes Stück weiter. Soll der Mond also von der Erde betrachtet erneut dieselbe Phase zeigen, muss er die sich daraus ergebende Winkeldifferenz zur Sonne durch entsprechenden Mehrweg um die Erde ausgleichen. Was den größten Teil diese zweitägigen differenz ausmacht.

Den Saroszyklus kennzeichnet, wie gesagt, die recht genaue Annäherung von 223 synodischen Monaten mit einer Dauer von rund 6585,32 Tagen an 242 drakonitische Monate mit rund 6585,36 Tagen, weil eine Finsternis natürlich nur eintreten kann, wenn der Termin des Neu- bzw. Vollmondes mit dem Durchgang des Mondes durch einen von beiden Knoten seiner Bahn zusammenfällt. Nur dann befinden sich Sonne, Erde und Mond in einer Ebene.

Wie jeder weiß, müssen Sonne, Mond und Erde eine solche Linie miteinander bilden, damit eine Finsternis zustande kommen kann. Das aber ist nur der Fall, wenn die gedachte Verbindungslinie zwischen den beiden Mondbahnknoten (Knotenlinie) in ihrer Verlängerung auf die Mitten von Sonne und Erde weist. Diese Konstellation ergibt sich üblicherweise nur zweimal pro Jahr. Gelegentlich kommt sie auch dreimal binnen Jahresfrist zustande. Das sind die seltenen Jahre mit analog drei Finsternisfenstern, in denen bis zu max. sieben Finsternisse weltweit beobachtet werden können. Außerhalb dieser zwei-, maximal dreifach pro Jahr eintretenden Konstellation weist die Knotenlinie in alle möglichen anderen Richtungen. Der Mond befindet sich daher bei seinen halbmonatlichen Stellungen als Voll- bzw. Neumond stets ober- oder unterhalb der Erdumlaufebene um die Sonne. Sein Schatten kann dann weder die Erdoberfläche treffen, noch er selbst durch den Kegel des Erdschattens wandern.

Womit wir bei der zweiten Komponente wären, die für das Verständnis des Saroszyklus von wesentlicher Bedeutung ist, dem sogenannten ‘Finsternisjahr’. Das Finsternisjahr beschreibt die Zeitabstände, zu denen die Mondknotenlinie Richtung Sonne und Erde ausgerichtet ist, wobei von der Erde aus gesehen derselbe der zwei Mondbahnknoten wieder Richtung Sonne weist. Es dauert mit 346,62 Tagen deutlich kürzer als unser tropisches Erdenjahr mit 365,2422 Tagen. Der Grund ist die Drehung der Mondknotenlinie entlang der Ekliptik entgegen der Umlaufrichtung der Erde um die Sonne. Pro Jahr kommt die Knotenlinie so der Erde um rund 19,34 Grad entgegen, entsprechend rund 19 1/4 Tagen. Eine volle Drehung der Knotenlinie dauert 18,61 Jahre. Durch ihre entgegengesetzte Umlaufrichtung weist die Mondknotenlinie aber schon deutlich früher, nach 18 Jahren und im Schnitt 10 bis 11 Tagen, wieder auf Sonne und Erde.

Weil die Umlaufbahn des Mondes um die Erde zwei Schnittpunkte (Knoten) mit der Erdumlaufbahn um die Sonne (Ekliptik) hat, in denen jeweils eine Finsternis möglich ist, halbiert sich das Finsternisjahr in zweimal 173,31 Tage. In diesem mittleren Zeitabstand, der rund vier Tage kürzer ist als sechs synodische Monate, steht die Knotenlinie genau auf Erde und Sonne ausgerichtet. Um diese mittleren Termine herum öffnen sich jeweils “Finsternisfenster”, fachsprachlich die Finsternislimits, in denen bis zu maximal drei Finsternisse weltweit möglich sind.

Völlig zufällig nun entsprechen auch 19 Finsternisjahre zu je 346,62 Tagen mit zusammen 6585,78 Tagen fast der eingangs erwähnten zeitlichen Übereinstimmung von 223 synodischen mit 242 drakonitischen Monaten (6585,36 d) bzw. mittleren 18 Jahren und 10 bis 11 Tagen bzw. 18,03 Jahren nach heutigem Kalender. Die Differenz ist kleiner als ein halber Tag. Was bedeutet, der Mond hat wieder dieselbe Phase, geht als Voll- bzw. Neumond gerade wieder durch denselben Knoten seiner Bahn, während Sonne, Mond und Erde gerade wieder eine Linie bilden. Es kommt, gezwungenermaßen, zu einer Finsternis. Weshalb sich eine ständige Wiederholung von Finsternissen alle 18,03 Jahre (Saroszyklus) ergibt. Und zwar solange in Folge, bis sich die Differenz von etwa 0,42 Tagen, um welche 19 Finsternisjahre langsamer sind als die Deckung von 223 synodischen mit 242 drakonitischen Monaten, zur Weite eines Finsternisfensters von bis zu 36 Tagen Länge summiert. Was bei über 70 Finsternissen in einer Serie des Saros theoretisch einem Zeitraum von rund 1300 Jahren entspricht. Allerdings gibt es zuweilen Unregelmäßigkeiten, durch welche die Serie bereits viele Jahrhunderte früher abreißen kann.

Finsternisse, die im Saros aufeinanderfolgen, sind immer gleicher Art. Also entweder nur Mond- oder nur Sonnenfinsternisse. Logisch, da stets derselbe der zwei Mondbahnknoten betroffen ist. Entweder jener, der gerade von der Erde gesehen Richtung Sonne steht oder der Knoten der Mondbahn, der im Rücken der Erde gerade von der Sonne weg weist. Für Sonne und Mond werden deshalb die Zyklen getrennt nummeriert.

Obendrein aber befindet sich der Mond auch noch ungefähr wieder in gleicher Distanz zur Erde auf seiner leicht elliptischen Umlaufbahn. Das bedingt der sogenannte anomalistische Mondmonat. Der beschreibt mit 27,55455 Tagen den zweimaligen Durchgang des Mondes durch seinen erdnächsten Punkt. Folglich ergeben 239 anomalistische Monate mit rund 6585,54 Tagen einen Betrag, der mit wenigen Stunden Abweichung zwischen der Übereinstimmung von 223 synodischen mit 242 drakonitischen Monaten einerseits und dem Ablauf von 19 Finsternisjahren andererseits liegt. Was vor allem für Sonnenfinsternisse Bedeutung hat. Ein erdferner Neumond vermag die Sonne nicht mehr ganz zu verdecken. Statt einer totalen erlebt man dann eine ringförmige oder hybride Sonnenfinsternis. Andersherum, bei Erdnähe des Vollmondes, dauert die Totalitätsphase der Sonnenfinsternisse für einen Beobachter im Kernschatten des Mondes am längsten. Gleiche Distanzen des Mondes zur Erde im Rhythmus des Saroszyklus gestatten also nicht nur Vorhersagen zur Art der Sonnenfinsternisse, sondern auch zur Dauer.

Andererseits steht aber auch die Erde nach 18 Jahren und im Schnitt 11 Tagen ihrerseits fast wieder an der derselben Stelle in ihrem leicht elliptischen Lauf um die Sonne. Was ebenfalls Art und Dauer der Finsternisse beeinflusst. Das Zusammenspiel aller dieser lunaren und solaren Gegebenheiten lässt den Saroszyklus so bedeutsam für die Finsternisvorhersage werden, weil mit ihm tatsächlich gleichartige Finsternisse in Folge vorhergesagt werden können. Dazu muss man wissen, dass sich während der 18,03 Jahre, die zwischen zwei Finsternissen in derselben Sarosserie vergehen, etwa 40 weitere Finsternisse parallel ereignen, die eine jede zu einem weiteren Saroszyklus gehört. Weshalb eine jede innerhalb ihres Zyklus heute zeitlich eindeutig, anhand der ihr vorausgegangenen Finsternisse, auch in ihrer Charakteristik voherbestimmt werden kann.

Jedem wird nach diesem Vortrag klar sein, dass die Finsternisvorhersage auf diesem Niveau für schriftlose Kulturen schwer vorstellbar ist. Man müsste zumindest um die Ekliptik, die Neigung der Mondbahn, um zwei Mondbahnknoten und um die Länge des drakonitischen Mondumlaufs wissen. Man bräuchte eine exakte Kalenderrechnung und Aufzeichnungsmöglichkeiten für die vielen zeitlich zwar versetzt, aber doch über viele Generationen parallel zueinander verlaufenden Finsternisse innerhalb der Saroszyklen, um zu entsprechenden Voraussagen zu gelangen. Darüber hinaus müssten Form und Bedeckungsgrad systematisch aufgezeichnet werden.

Hinzu kommt, dass bei weitem nicht jede Finsternis, schon gar nicht jede Sonnenfinsternis, alle 18,03 Jahre vom selben irdischen Standort aus einsehbar war. Zusätzlich erschwerten Witterungsbedingungen die Ermittlung und Verfolgung solcher Zyklen. Sein relativ langes Intervall von achtzehn Jahren war ebenso wenig förderlich für dessen Verwendung zur Vorausbestimmung von Finsternissen in archaischer Zeit, insbesondere für schriftunkundige Kulturen.

Und doch besaßen die Menschen spätestens gegen Ende der Jungsteinzeit in den schriftlosen Kulturen Europas einen gehörigen Teil dieses Wissens. Gleichwohl Kenntnisse um den drakonitischen Monat erst in der Bronzezeit im 2. Jt. v. Chr. hinzugekommen sein dürften und der Saroszyklus als Vorausschau aller möglichen Finsternisse vermutlich erst im letzten Jt. v. Chr. praktische Anwendung fand.

Schon in neolithischer Zeit wusste man definitiv in Europa, dass sich Finsterniszeiten im Abstand von meistens sechs, gelegentlich auch nur fünf Mondmonaten wiederholen, was heute dem Semesterzyklus der Finsternisse entspricht. Ferner lässt sich das Wissen um Hepton- und Octonzyklus belegen, bei denen über Jahrzehnte hinweg alle sieben bzw. alle acht lunaren Semester, jeweils abzüglich eines synodischen Monats, also alle 41 bzw. alle 47 synodische Monate, eine Finsternis zu erwarten ist. Man besaß bereits ein präekliptikales Verständnis in Bezug auf Verfinsterungen des Mondes innerhalb des Zodiakos. In der Frühbronzezeit, mit dem Begreifen der Identität zwischen der Sonnenbahn und dem Pfad der Finsternisse, dürfte daraus konkretes ekliptikales Wissen entwickelt worden sein. Zur selben Zeit war man wohl auch im Bilde darüber, dass es zwei Finsternisauslöser gab, die scheinbar Sonne und Mond im halbjährlichen Abstand verfolgten. Letztlich war dem Anschein nach wohl auch schon in neolithischer Zeit die Länge eines “Finsternismonats” (heute Finsternislimit) zumindest mit 33 Tagen Länge bestimmt worden und wahrscheinlich auch das kürzere Zeitlimit für sichtbare Kernschattenfinsternisse des Mondes von lediglich 22 Tagen innerhalb des Finsternismonats.

Finsternislimit

Die astrphysikalischen Erläuterungen beim Zustandekommen der Finsternislimits übersteigen, so leid es mir tut, meine Begriffsfähigkeit. Ich kann daher an dieser Stelle nur allen Interessenten für entsprechendes Hintergrundwissen die bereits weiter vorn vorgestellten Internetseiten von Siegfried Wetzel, erreichbar unter dem Stichwort: “swetzel sonnenfinsternisse” und von Stefan Krause das Infoportal zum thema Mondfinsternisse unter dem Stichwort: “mondfinsternis.net” empfehlen.

Für die Betrachtungen auf meiner Webseite reicht ein vereinfachtes Verständnis aus. Wenn ein Voll- oder ein Neumondtermin exakt mit der zeitlichen Mitte eines Finsternisfensters zusammenfällt, ergibt sich zwangsläufig eine zentrale Finsternis. Bei Neumond eine totale bzw. (bei entferntem Mond) eine ringförmige SoFi, bei Vollmond eine zentrale MoFi mit den längsten Phasen beobachtbarer Totalität. Nun dauert, wie gesagt, ein halbes Finsternisjahr nur 173,3 Tage gegenüber sechs synodischen Monaten mit der Dauer von rund 177,2 Tagen. Das bedeutet doch, das Zentrum des Finsternisfensters, also jenes Punktes, bei dem eine Finsternis immer zentral verläuft, hat sich gegenüber dem Ausgangspunkt um vier Tage verfrüht. Noch immer ist eine totale Finsternis möglich, sowohl solar als auch lunar. Doch der Termin des vorausgegangenen Neu- bzw. Vollmondes 14 bis 15 Tage früher, läge dann vom Zentrum des Finsternisfensters bereits mindestens 18 Tage enfernt. Für eine Kernschattenfinsternis beim Mond ist das bereits zu weit entfernt. Es wird also weder eine partielle, vielleicht gerade noch eine tangentiale Halbschattenfinsternis möglich sein. In entgegengesetzter Richtung allerdings, also beim nachfolgenden Neu- bzw. Vollmond 14 bis 15 Tage später, befinden wir uns zeitlich 10 bis 11 Tage hinter dem Zentrum des Finsternisfensters. Diese zeitliche Distanz, mit analoger Entfernung vom Knotenpunkt auf der Ekliptik, gestattet gerade noch die Beobachtung einer partiellen Mondfinsternis. Bei Neumond hingegen, weil die Sonne gegenüber dem Mond extrem weit entfernt steht, lässt sich von irgendwo auf der Erde selbst dann noch gerade so eine totale oder hybride Sonnenfinsternis beobachten. Wäre diese zeitliche Distanz noch etwas größer, ließe sich weltweit nur noch zu einer partiellen Sonnenfinsternis beobachten. Je weiter sich also die Neu- oder Vollmondtermine vom Zentrum des Finsternisfensters entfernen, um so geringer der Grad der Bedeckungsgrad von Sonne oder Mond.

Weitere sechs synodische Monate später befindet sich sich die Mitte des Finsternisfensters bereits acht Tage vor dem Termin des Voll- bzw. Neumondes. Wiederum ist zwar weltweit noch irgendwo eine zentrale Sonnenfinsternis beobachtbar, eine Mondfinsternis kann zu diesem Zeitpunkt aber nur noch partiell ausfallen. Vergleichbares gilt 14 bis 15 Tage später beim nächsten Neu- bzw. Vollmondtermin, der dann rund sechs bis sieben Tage nach der Mitte des Finsternisfensters liegt.

Noch ein lunares Semester später liegt der Neu- bzw. Vollmondtermin bereits 12 Tage entfernt von der Fenstermitte. Das ist jenseits aller Möglichkeiten, bei Vollmond noch eine Kernschattenfinsternis zu erleben. Es kann höchstens bei Neumond eine partielle SoFi irgendwo auf der Welt beobachtet werden. Dafür rückt nun der nächstfolgende Neu- oder Vollmondtermin bis auf zwei oder drei Tage an das Zentrum des Finsternisfensters heran, bei denen sich entsprechend auch der Abstand zum Knotenpunkt derart verringert hat, dass nun bei diesen jeweils totale Finsternisse beobachtbar sein können. Der diesem nachfolgende Vollmondtermin liegt dann allerdings schon wieder jenseits der Grenzen des Finsternisfensters, soweit es beobachtbare Kernschattenfinsternisse beim Mond betrifft.

Ich möchte hierzu anmerken, dass diese Betrachtungen nur das wiedergeben können, was ich mir einbilde, aus den wissenschaftlichen Darstellungen verstanden zu haben. Wobei ich gleichzeitig versuche, die Dinge so zu betrachten, wie sie Menschen in neolithischer Zeit hätten aus ihren Möglichkeiten der praktischen lunaren und solaren Observationen heraus begreifen können. Denn die konnten ursprünglich weder etwas von Mondbahnknoten, noch vom Winkelabstand des Voll- oder Neumondes zum zentralen Knotenpunkt wissen. Ihnen blieb nur die Möglichkeit, sich der zunehmenden zeitlichen Verschiebungen der Finsternistermine im Abstand von je sechs Monaten bewusst zu werden. Das konnte ihnen nur gelingen, wenn sie prinzipiell bereits erkannt hatten, dass sich diese Zeiten jährlich gleichmäßig um rund 19 Tage verfrühten. Wofür wiederum eine recht verlässliche, taggenau Zeitrechnung Bedingung war. Auf dieser Basis ließ sich dann jeweils im Voraus der Monat bestimmen, in welchem man die Voll- bzw. Neumonde im Auge behalten musste. Erst, wenn diese dann kontinuierlich über lange Zeiträume hinweg verfolgt worden waren, dürfte sich irgendwann auch die Erkenntnis herausgeschält haben, innerhalb welcher Zeitspanne es lohnte, Voll- und Neumonde zu verfolgen und schließlich, dass sich die Mitten der Finsternisfenster halbjährliche um besagte vier Tage verfrühten. Weshalb es irgendwann zu einem Sprung kommt, weil sich die nachfolgenden Neu- bzw. Vollmondterminde dem Finsterniszentrum genähert hatten, sodass schon nach fünf, statt erst nach sechs synodischen Monaten bereits wieder eine Finsternis eintreten konnte. Was in der Praxis zur Entdeckung der oben beschriebenen Rhythmen von Hepton– und Octonzyklus geführt haben dürfte.

Erst mit der Einbeziehung des zodiakalen Sternenhintergrundes bzw. des nächtlichen Zodiakallichts in die anhaltenden lunaren Observierungen ließ sich dann irgendwann erkennen, dass der Vollmond stets um eine mittlere Linie seiner Bahn herum schwankte, Mondfinsternisse aber immer nur dann eintraten, wenn er sich im Zentrum dieses Streifens befand. Ein präekliptikales Wissen, das offenbar im späten 4. Jt. v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten, möglicherweise auch schon im heutigen chinesischen und indischen Raum entwickelt wurde und sich von dort ab etwa Mitte des 3. Jt. v. Chr. auch innerhalb Europas rasant verbreitete. Für Ägypten lässt sich diese astrokalendarische Entwicklung meines Erachtens perfekt an den prunkvollen Hinterlassenschaften König Narmers um 3000 v. Chr. belegen.

In neolithischer Zeit kannten die Menschen keine Fenster, wohl aber Tore. Für sie gelangten Sonne, Mond und auch die Finsternisauslöser über ähnlich vorgestellte, verborgene Passagen hinter dem Horizont aus einer unterweltlichen Region des Todes und der Schatten zurück in die Sphären des Lebens und des Lichts. Gab es jährlich zwei bzw. drei Perioden, in denen Finsternisse möglich waren, mussten jene verborgenen Passagen zwar für Sonne und Mond, nicht aber für Finsternisse passierbar gewesen sein. Wenn also nicht jeden Voll- und Neumond eine Finsternis zu sehen war, darüber hinaus aber selbst nicht in jedem vorherbestimmten “Finsterniszeitraum”, zuweilen sogar mehrere Jahre in Folge örtlich keine Finsternis beobachtet werden konnte, musste es Kräfte geben, welche das Emporsteigen der Finsternisse aus den verborgenen Schattengefilden an den Himmel verhinderten. Möglicherweise stellte man sich bewachte Übergangsportale an den Horizontpunkten der Ekliptik vor, welche die Finsternisauslöser nur gelegentlich zu überwinden vermochten.2 Entsprechend gab es vermutlich in archiaschen Zeiten verbreitet die Vorstellung von solchen Sphärentoren zwischen Ober- und Unterwelt in der gesamten Alten Welt, die finsternisbezogen als “Finsternisportale” bezeichnet worden sein könnten. Erst später in der Bronzezeit versetzte man sie dann an den Himmel. Bekanntestes Beispiel, das “Goldene Tor der Ekliptik” mit dem daraus hervorbrechenden Minotaurus. Wobei dieser antike, bronzezeitliche Mythos bereits auf altägyptische Vorbilder zurückgeht, wie sie etwa die Prunkpalette König Narmers von Ägypten beinhaltet.

Dieser Vorstellung von Sphärenportalen begegnet man überall in der Vor- und Frühgeschichte. Selbst noch in den antiken Mythen, wie unter anderen das Gleichnis vom Athener Stadttor beim Einzug des Theseus belegt, dass dort als Gleichnis für “Finsternisportal” dient (Vergl.: Kapt. II/4). Meines Erachtens vermittelten schon die auffälligen, teils mit Bukranien geschmückten Zugangspassagen samt den inneren Pallisadenöffnungen in den mitteleuropäischen Kreisgrabenanlagen des frühen 5. Jt. v. Chr. das Konzept einer Welt mit horizontischen Sphärentoren. Wobei sich allerdings die Frage auftut, ob man damals den Blick von innen nach außen zu den Horizonten wandte oder umgekehrt, das Innere der Anlagen als Abbild des jenseitigen Refugiums betrachtet wurde, in dem die unterweltlichen Wanderungen von Sonne, Mond und Finsternisschatten(?), vielleicht sogar mit den Ahnengeister durch die Unterwelt zu besonderen Anlässen rituell zelebriert wurden? Wie auch immer! Die Idee setzt sich fort in den portalartigen Urdolmen aus zwei oder drei Standsteinen mit einem großen Deckstein, in den Portaldolmen und den Eingangspassagen der Megalitganggräber, den ähnlich portalartigen maltesischen Tempeleingängen der Megalithzeit oder den dortigen Portalstrukturen im Untergrundbauwerken (Hypogäen). Schließlich gipfelte diese Idee in den kreis- und hufeisenförmigen Portalbauten von Stonehenge, dessen Zentralachse bereits als Sinnbild der Ekliptik oder wenigstens als mittlerer Median durch den Zodiakos gegolten haben dürfte.

Auch in der minoischen und mykenischen Kultur findet sich vielfach die Symbolik der Sphärenportale wieder, bspw. in Knossos mit diversen Säulenpaaren (In den Farben: Rot – Mofi und schwarz – SoFi?) oder in der Symbolik der “triparted Shrines“. Ein besonderes Beispiel für ein ekliptikales Torsymbol sind die von Sir Athur Evans sogenannten “Horns of Consecration” aus Knossos auf Kreta (Abb. 1 unten). Sie symbolisierten in etwa das, was wir heute das “Goldene Tor der Ekliptik” nennen, den Abschnitt zwischen den Sternhaufen der Hyaden und der Plejaden. Die “Horns of Consecration” könnten entweder ein analoges ekliptikales Tor, etwas östlicher versetzt zwischen den Hörnersternen des Sternbildes “Taurus” symbolisiert haben oder aber sie bezeichneten tatsächlich schon in minoischer Zeit exakt die Position der Ekliptik, die wir noch heute als das “Goldene Tor der Ekliptik” kennen. Sinn eines solchen kosmischen Portals wäre, hier den Kreislauf der Finsternisse durch den Zodiakos, sinngemäß des Minotauros bzw. der Knoten festmachen zu können. Es ist praktisch das “Himmelstor des Minotauros“, aus welchem der mythische Asterios, der Minotauros, das Sternbild “Stier”, am Nachthimmel unvermutet hervorzupreschen scheint, um gegen den gewappneten “Orion” anzurennen. Der Saroszyklus aber ist sein kosmischer Regenerationszyklus.

Abb. 1: Palasttempel von Knossos: Aus Beton nachgestaltete, von Arthur Evans so bezeichnete “Horns of Consecration” (Hörner der Weihe), die den ekliptikalen Bereich der Hörner im Sternbild “Taurus” als Ekliptikportal symbolisieren dürften. (Foto: Philipp Voß, Flensburg)
Abb. 2: Schaukelnde Göttin auf der Ekliptik zwischen den “Horns of Consecration” aus Agia Triada, Ostkreta, 15./14. Jh. v. Chr., Archäologisches Museum Heraklion, Kreta. Tauben (altgriech.: Pelaiados) symbolisieren entweder die beiden Hörnersterne des Sternbildes “Taurus” oder aber die beiden Sternhaufen der Hyaden und Plejaden. Könnte Letzteres an dieser Stelle bewiesen werden, sähen wir hier das “Goldene Tor der Ekliptik”, den Eingang ins kosmische “Labyrinth” von des Minos Tauros vor uns. Die Schaukelnde könnte eine Göttin wie Pasiphae oder Ariadne sein. Die Plastik belegt die gleichnishaft ideelle Bedeutung der “Horns of Consecration” als Torformation, als ekliptikale Passage oder Portal. Was die für ein Gehörn unnatürlich wirkenden, weil senkrechten Außenseiten der “Horns of Consecration” erklärt. (Foto: Autor)

Wo man auch hinschaut. Finsterniswissen begegnet man, wie der Idee von Sphärenportalen, in der Vor- und Frühgeschichte unentwegt. In vielen Kulturen, egal ob schriftkundig oder nicht. Das Phänomen der Finsternisse, aber auch die Frage, wo und wie Sonne und Mond, trotz ihrer Horizontverlagerungen alltäglich zwischen Ober- und Unterwelt zu wechseln vermochten, ohne dass ihnen die vermeintlich dort hausenden Heerscharen der Totengeister, Dämonen und was sonst noch auf den Fersen folgten, bewegte die Menschen seit frühester Zeit. Gleiches gilt sicher auch, nach entsprechenden Erkenntnissen, für die Frage, warum die Finsternisse zwar feste Zeiten für ihr Auftauchen am Himmel hatten, nicht aber immer erschienen. Wer oder was, welche verborgenen Kräfte oder Mächte, sorgten für ihr undurchsichtiges Reglement? Waren es regionale Mächte, von der eigenen Kultur bevorzugte Götter, die dafür Sorge trugen, dass man zuweilen von fernen Finsternissen berichtete, die vor Ort nicht beobachtet wurden? Für mich erscheint es logisch, wegen solcher und vieler anderer Fragen im Kontext lunarer wie solarer Eklipsen nach entsprechenden Hinweisen in den kulturellen Hinterlassenschaften weltweit und ohne zeitliche Einschränkungen zu suchen. Denn Finsternisse waren zu allen Zeiten ebenso spektakuläre wie geheimnisvolle Erscheinungen, die in den Bildzeugnissen auch schon der prähistorischen Menschen zwingend ihre Spuren hinterlassen haben müssen!

Warum, um alles in der Welt, sind aber der großen Masse der Prähistoriker derlei Fragen scheinbar völlig egal, die über Jahrtausende hinweg die Menschen bewegt, ihre Kultur, ihre Mythen und über beides soziokulturelle und damit letztlich sogar gesellschaftliche Entwicklungen mit beeinflusst haben müssen? Fragen, auf die man selbst noch bei Grimm’schen Märchen wie “Frau Holle” stößt. Wo einem noch immer Aspekte wie Licht (Gold), Finsternis (Pech), ihre Verteilung an Himmelsportalen, Wasserscheiden (Brunnen) als Gleichnisse für Sphärenübergänge zwischen Erde, Unterwelt und Himmel entgegentreten. Allegorien wie Blumenwiese, Apfelbaum und Backofen im Sinne der irdischen Fruchtbarkeit während Frühling, Sommer und Herbst wie auch der “bettengemachte” Flockenfall im Winter zeichnen den jährlichen Kreislauf der Sonne entlang der Ekliptik nach, mit den Jahresübergängen als besagten Sphärenportalen. Wie weit reichen die Wurzeln solcher Märchen tatsächlich in graue Vorzeit zurück? Wer bietet verlässliche Antworten auf solche Fragen? Wert trägt hierfür gesellschaftliche Verantwortung?

Footnotes

  1. Neben den beiden zuvor genannten sind hier ferner von mir verwendete Quellen: “dtv-Atlas zur Astronomie”, 10., neubearbeitete Auflage April 1990, Deutscher Taschenbuchverlag, München; Rudolf Kippenhahn/Wolfgang Knapp: “Schwarze Sonne, roter Mond – Die Jahrhundertfinsternis”, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1999; Wikipedia, Stichwort: “Saroszyklus”; Wikipedia, Stichwort: “Finsternislimit”. Back to footnote
  2. Zu solchen Wächterkreaturen gehörten ursprünglich vermutlich auch solche Kreaturen wie der den Eingang zum Hades bewachende Kerberos, der erst in der Antike, spekulativ wohl wegen der drei Finsternismöglichkeiten pro Finsternisfenster, drei Köpfe bekam, statt seiner vorherigen Vielzahl an Mäulern. Zwar bewachte der auch die Unterwelt vor eindringenden Lebenden. Weit logischer aber erscheint doch seine Funktion, keine Toten, keine Dämonen, Geister oder eben Schatten in die Welt der Lebenden hinauszulassen. Back to footnote

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