Kapitel IV

4.4
Finsterniswissen auf der Axt von Halle-Radewell

Abb. 3

(Dieser Abschnitt wurde stark überarbeitet am 09.10.2026.)

Bei erstmaliger Sichtung der Axt ist man spontan versucht, das zentrale Schaftloch mit den kranzartig umgebenden Strichgruppen als Sonnenmotiv zu deuten. Grund ist deren strahlenförmig radiale Anordnung. Schon der zweite Blick wirft Zweifel auf. Was sollen die drei verlängerten, parallelen Strahlenstriche oben bedeuten? Warum ist der Strahlenring nicht rundum geschlossen? Nicht nur blieb der unten offen. Der um das Schaftloch herumführende, mit den Strahlen besetzte Linienzug läuft nach unten verlängert in zwei Enden aus. Was soll das? Fast ist man an einen sogenannten “Morgenstern“ erinnert, eine brachiale, keulenartige Waffe mit Eisenstacheln aus dem Mittelalter, deren Schaft hier etwas zu kurz geriet. Nur, Derartiges existierte vor 5000 Jahren nicht. Warum auch sind die unteren Strahlen auffällig seitwärts ausgerichtet? Was ebenfalls nicht der natürlichen, kreisförmigen Wirkung solaren Strahlens entspricht. Ist das Motiv vielleicht eher pflanzlich einzuordnen? Symbolisiert es eine “Pusteblume”, also den Fruchtstand des Löwenzahns? Auch der Gedanke führt ins Abseits, wegen derselben “Ungereimtheiten” wie in der solaren Deutung.

Schaut man genauer hin, fällt ferner eine Diskrepanz in der Strahlenverteilung auf. Links vom “Axtauge” zählt man vierzehn, rechts dagegen neunzehn kurze Strahlenstriche.1 Jedes halbwegs brauchbare Foto der Axt belegt das Ungleichgewicht.2 Also nicht nur wartet das zentrale Strahlenmotiv mit verschieden langen und zum Teil abnorm orientierten Strahlenstrichen auf. Es scheint auch noch, neben deren asymmetrischer Verteilung wie gestielt. Dennoch! Trotz der seltsamen Eigenheiten kann man sich schlecht des Eindrucks erwehren, dass wir es hier mit einer wie auch immer gearteten, solaren Symbolik zu tun haben.

Das Rätselraten um dieses zweifelhaft solar anmutende Motiv endet abrupt, sobald man darin eines der beeindruckendsten Manöver von Sonne und Mond am Himmel erkennt, die wir Erdbewohner miterleben können – eine stilisierte, totale Sonnenfinsternis. Ein örtlich zwar höchst seltenes, aber ganz natürliches, auch für neolithische Menschen frei beobachtbares, insofern bildlich reflektierbares Naturschauspiel! Eine Idee, die in ihrer Bildhaftigkeit bei dieser und einigen anderen Exemplaren vor allem durch das fast schwarze, sehr feinkörnige Amphibolithgestein (veraltete Bezeichnung: Hornblendschiefer) mit den dazu in auffälligem Kontrast stehenden, weißen Inkrustationen der Gravuren untermauert wird.

Abb. 4: Basisdeutung zum Strahlenmotiv um das Schaftloch. Wobei die zwei auslaufenden Strichenden unten am Strahlenmotiv auch den schmalen kosmischen Pfad der Finsternisse auf der durch das “Tannenbaummotiv” in der Axtspitze verkörperten Sonnenwendachse symbolisieren könnten.

Rückbesinnend auf den großen Hype um die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 über dem südlichen Mitteldeutschland präsentierten die Medien im Vorfeld häufig zwei Motive: die „schwarze Sonne“ mit der magisch strahlenden Sonnenkorona drumherum oder den „Diamantringeffekt“. Also jenen Moment unmittelbar vor bzw. nach der Totalitätsphase, wenn nur noch bzw. schon wieder punktuell direkte Sonnenstrahlen durch eine Senke am Mondrand gebündelt das Auge des Betrachters erreichen, während die schwarze Mondscheibe ein schmaler Ring indirekten, gelblichen Lichts der Sonne umgibt.3

Beide Phänomene scheinen zusammen auf dem Radeweller Axtexemplar dargestellt. Die drei überlangen Strahlen oben lassen sich vom Prinzip her als jenes, wenn auch nicht allerletztes so doch unmittelbares „Diamantfunkeln“ vor bzw. nach der Totalität deuten, bevor bzw. nachdem der vor der Sonne tiefschwarz erscheinende Neumond die Sonne komplett verdeckte. Zwar flammt in der Natur die magisch blassweiß fackelnde Sonnenkorona nur während der Totalität auf. Logisch nachvollziehbar ist indes, dass der neolithische Graveur beide Erscheinungen nur gleichzeitig im Bild festhalten konnte. Folgerichtig sind dann die auffällig kurzen, eher seitlich orientierten Strahlen des Motivs als Wiedergabe der im Moment totaler Finsternis aufflammenden Sonnenkorona zu werten. Die Kürze der Strahlen reflektiert, dass sich die Sonnenkorona mit ungeschütztem Auge betrachten lässt. Analog sollten die drei langen Strahlen dann, so die Bildlogik, tatsächlich den letzten Rest direkten, blendenden Sonnenlichts anzeigen.

Das unterstellt, lassen sich auch die beiden seltsamen, aus der Kreisbahn um das Schaftloch nach unten auslaufenden, ebenfalls weiß inkrustierten Linienenden zumindest halbwegs sinnvoll zuordnen. Sie sind unmöglich als eigenständiges Objekt zu sehen. Entweder stellen sie den wandernden Finsternisschatten dar oder sollen anzeigen, dass sich Sonne und Schatten, bzw. bei einer totalen Mondfinsternis Mond und Schatten, ein Stück weit gemeinsam fortbewegen. Wie gleich festzustellen ist, resultiert diese etwas ungelenke, unnatürlich wirkende Besonderheit aber vielleicht auch aus einer vom jungsteinzeitlichen Bildautor gewollten Bezugnahme des Motivs auf die darunter angeordnete Stricheformation des “Tannenbaummotivs”.

Nicht ausschließen möchte ich, dass beide Linienenden so etwas wie einen schmalen Pfad andeuten sollen, den Sonne und Vollmond jeweils bei ihrer Verfinsterung gemeinsam mit den Finsternisschatten beschreiten. Diese ekliptikal angehauchte Behauptung ist sicher gewagt. Aber die zwei untersten Kreismotive rechts und links der “Tannenbaumspitze” symbolisieren sehr wahrscheinlich die große (äußere) und kleine (innere) Mondwende auf dem Horizont, beiderseits der mittigen Sonnenwendposition, für welche die Tannenbaumspitze steht. (Siehe dazu unten vergleichend Abb. 5a und 5b.) Sollte ich damit richtig liegen, entspräche der Abstand zwischen beiden Kreismotiven sinngemäß dem zodiakalen Sternenstreifen beiderseits der Sonnenwendachse, die der Stamm des Baummotivs anzeigt. Die beiden aus dem Strahlenkranz um das Schaftloch nach unten weisenden Linienenden bilden demgegenüber ein deutlich schmaleres Band innerhalb dieses Sektors. Der oberste Kreis am Axtnacken steht exakt auf der verlängerten Linie von “Baumstamm” und Mittelachse des strahlenumkränzten Schaftlochs. Wollte man ihn in diesem Zusammenhang als Mondsymbol erachten, ereigneten sich also nicht nur Sonnenfinsternisse in jenem schmalen Himmelsstreifen, sondern sinngemäß auch die des Vollmondes. Wie noch gezeigt wird, geht es hier auch keineswegs ausschließlich um das Ereignis einer realen, totalen Sonnenfinsternis. Vielmehr steht das Symbol der Sonnenkorona für alle zentralen oder möglicherweise sogar für sämtliche unter damaligen Bedingungen erkennbare Finsternisse.

Abb. 5a

Abb. 5b

Soweit so gut! Nur erklärt weder eine totale Sonnenfinsternis noch deren lunares Pendant die asymmetrische Verteilung der kurzen Strahlen um das Schaftloch. Zwar kann zuweilen eine eher seitlich gerichtete Ausdehnung der Sonnenkorona beobachtet werden. Ein augenscheinlich einseitiges Übergewicht der Koronastrahlen dürfte aber generell auszuschließen sein. Die für mich einzig vertretbare Erklärung: Hinter der Asymmetrie steckt Kalkül, eine ganz konkrete Information! Die, das sollte naheliegen, mit dem Phänomen der Finsternisse zu tun hat.

Striche sind die einfachste und naheliegende Form, wenn es um Mengenerfassung kleiner Einheiten geht. Daher scheint ihre Zuordnung zur Einheit “Tag“, wie im vorherigen Abschnitt dieses Kapitels eingehender begründet, vor dem kosmologisch anmutenden Bildhintergrund zunächst nicht ausgeschlossen. Dieser Logik folgend deute ich die 19 kurzen Strahlen rechts als Zeitraum von 19 Tagen. Analog müssen auch die 14 kurzen Strahlen links als Tageswerte zu deuten sein! Woraus sich folgende logische Beziehung beider Zahlenwerte ableiten lässt. Die 14 Striche links bezeichnen den Zeitraum eines halben synodischen Mondmonats.4 Im Kontext der Finsternissymbolik des Strahlenmotivs um das Schaftloch entspricht das dem zeitlichen Mindestabstand zwischen einer Mond- (MoFi) und einer Sonnenfinsternis (SoFi) bzw. umgekehrt, die sich aufeinanderfolgend im selben Finsternisfenster ereignen. Passend dazu deute ich die 19 kurzen Strahlen rechterhand als Differenz von rund 19 Tagen zwischen einem Finsternisjahr von grob 346 Tagen Länge und dem Jahr des Sonnenlaufs mit rund 365 Tagen. Beide Werte, 14 und 19, sind zum einen ganzzahlig gerundete Werte. Nicht nur, weil die Neolithiker keine Bruchzahlen darstellen konnten. Der Wert 14 als Symbolik für den halben synodischen Monat ist hier insofern korrekt, weil er, wie gesagt, den kürzest möglichen Zeitabstand zwischen zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Finsternisereignissen beschreibt. Drittens aber spielt auch die Summe beider Werte eine maßgebliche Rolle, wie gleich erläutert wird.

Abb. 6: Deutung der asymmetrischen Verteilung der kurzen Strahlen

Damit würde die numerische Symbolik der kurzen Strahlen das an eine totale SoFi erinnernde Semogramm auf der Axt von Halle-Radewell deutlich stützen. Die Differenz von 19 Tagen würde bei korrekter Deutung das Wissen der Salzmünder belegen, dass sich die Zeiten für Finsternisse von Jahr zu Jahr um rund 19 Tage verfrühen. Alles zusammen harmonierte dann im Kontext: Finsternissymbolik!

Voraussetzung für derartiges Wissen wäre erstens eine genügend genaue Kalenderrechnung. Zweitens müsste man den schriftunkundigen Menschen des europäischen Neolithikums unterstellen, dass sie lange vor diesen Aufzeichnungen, mindestens im frühen 4. Jt. v. Chr., vermutlich aber schon weit früher begonnen hatten, die Bewegungen des Mondes vor allem im Kontext der Finsternisse am Himmel systematisch zu verfolgen. Die Zahlenwerte 14 und 19 lassen sich darüber hinaus nicht auf das Ereignis einer totalen Sonnenfinsternis reduzieren. Sie sind Basiswerte der gesamten Finsternisrhythmik. Soll heißen, die Symbolik des Strahlenkranzes um das Schaftloch steht, wie vermutet, sinngemäß für alle totalen und alle wahrnehmbaren partiellen Finsternisse von Sonne und Mond. Wir haben es hier mit dem symbolisierten Grundprinzip: “Finsternis” zu tun. Denn eine Mondfinsternis, gar eine totale Mondfinsternis als eindeutige Gravur darzustellen ist äußerst schwierig. Jeder sollte sich fragen, wie er das Problem eindeutig, ohne Verwechslungsgefahr lösen wollte.

Womit ich das Augenmerk auf das Baummotiv lenken möchte, auf das zweite grafische Element, das ausschließlich aus Stricheinheiten gebildet wurde. Dessen „Astwerk“ ist weder korrekt gegenständig noch ausgesprochen unregelmäßig oder wechselständig angeordnet. Vielmehr scheint eine gewisse Unregelmäßigkeit nur zaghaft angedeutet. Dennoch lässt sich darin eine Anomalie gegenüber allen anderen bekannten dekorierten Äxten der Salzmünder mit Baummotiv feststellen. Als wollte der geistige Urheber dieses Axtdekors dringend vermeiden, dass man symmetrisch elf Astpaare wahrnimmt. Ihm scheint daran gelegen gewesen, die beiden Astreihen unabhängig voneinander zu betrachten, numerisch als zweimal elf „Äste“.

Folgt man diesem Ansatz, wird noch etwas beachtenswert. Die nach unten verlängert auslaufenden Enden der um das Schaftloch führenden „Schlaufenlinie“ – von welcher die Strahlen abgehen und die ich als wandernden „Finsternisschatten“ bzw. Symbolik des kosmischen „Finsternispfades“ interpretiere – weisen jeweils auf eine der beiden Astreihen des Baummotivs. (In Abb. 7 mit den ergänzten gelben Pfeilen verdeutlicht.) Fast ein Fingerzeig, als solle man das Zahlenwerk der Strichelemente oben, mit jenem der Strichelemente unten verbinden. 

Abb. 7

Was schwierig erscheint, ohne zugleich die Kreismotive dazwischen zu berücksichtigen, die ja noch konkreter beide Motive miteinander verbinden. Liest man diese entsprechend ihrer peripheren Gruppierung, liegt ihre lunare Symbolik nahe. Beide Sechsergruppen unter dem Schaftloch entsprächen zweimal sechs synodischen Monaten bzw. einem Mondjahr zu 354 bis 355 Tagen. Bezieht man die Siebenergruppe über dem Schaftloch ein, könnte die ein gelegentlich einzufügendes, lunares Schalthalbjahr mit sieben synodischen Monaten symbolisieren. Das Ganze verstünde sich als symbolisierter Lunisolarkalender, bei dem unregelmäßig (asymmetrisches Astwerk?) die anfallende Differenz von 11 Tagen und 11 Nächten zum Jahreslauf der Sonne ausgeglichen werden müsste. Möglicherweise so am “Baummotiv” mit den zweimal 11 Ästen zu verstehen, dass diese Differenz immer ausgeglichen werden muss, bevor die Abweichung größer oder gleich 22 Tage wird.

Wie auch immer man das praktisch umsetzt, dürfen aber nicht mehr als sieben lunare Schaltjahre auf 12 lunare Gemeinjahre kommen. Soll heißen, die Summe muss immer 19 Jahre im Lunisolarkalender betragen. Denn auch das resultiert aus der Gruppierung der sieben Kreise oben und der 12 Kreise unten. Jedenfalls, wenn man die parallele Deutung der Kreismotive im kalendarischen Kontext als lunare Monats-, zugleich aber auch als lunisolare Jahressymbole akzeptiert. Das Prinzip entspräche wieder dem sogenannten Meton’schen Zyklus mit der taggenauen Übereinstimmung von 235 synodischen Monaten mit 19 tropischen Jahren. Ein Kalender, der prinzipiell genau genug zur Voraussage der von Finsterniszeiten war.

Liest man dagegen die 19 Kreismotive nicht peripher, sondern vertikal aufwärts wie in Abb. 8 verdeutlicht, wird ihre strenge Parrung erkennbar. Einzige Ausnahme ist die Dreierkonstellation genau über dem Axtrücken. Die acht Paare darunter verweisen auf acht Jahre mit zwei üblicherweise pro Jahr anfallenden Finsternismonden im üblichen Abstand von jeweils sechs synodischen Monaten zueinander, also die zwei üblichen “Finsternisfenster”. Die Dreierkonstellation darüber aber symbolisiert jene Ausnahmejahre, in denen sich gleich drei “Finsternisfenster” binnen 365 Tagen öffnen. Was in sehr selten Fällen gleich drei totale MoFi im gleichen Jahr ermöglicht.

Abb. 8

Allein die vertikale Lesart kombiniert also die Interpretation der Kreismotive sowohl als Monatseinheiten, nämlich als “Finsternismonate” (Finsternisfenster von jeweils maximal 36 Tagen dauer, entsprechend der 36 Strahlen um das Schaftloch.) als auch von Jahren (Mit je zwei solchen Finsternismonaten pro Jahreseinheit, in Summe neun Jahre, entsprechend einem halben Saroszyklus.)

Wie erwähnt, lässt sich das “Baummotiv” als Orientierungsachse auf die in gleicher Achse symbolisierte sonnenfinsternis rund um das Schaftauge interpretieren. Eine Noird-Südachse kann das Baummotiv aber nicht meinen, da sich sonst finsternisse nur zur Mittags- bzw. Mitternachtszeit ereignen dürften. Setzt man daher das zentrale Strahlenmotiv um das Schaftauge, die beiden untersten Kreismotive unmittelbar über dem “Baumwipfel” und den obersten Einzelkreis am Axktnacken in einen gemeinsamen horizontkalendarischen Bezug, ergibt sich das in Abb. 5a gezeigte Prinzip der Horizontorientierung auf einen Sonnenwendpunkt (Strahlenmotiv), die zu diesem auf einem ebenen Horizont symmetrisch rechts und links im gleichen Abstand gelegenen Wendepunkte des Mondes, große äußere und kleine innere Wende (beide unterste Mondkreise) bei Vollmond und die Mittelstellung des Vollmondes genau in derselben Position, wie die der Sonnenwende (oberster Mondkreis). Es ist dasselbe Prinzip, das schon Gerald S. Hawkins 1965 in seinem Buch “Stonehenge decoded” für seine Deutung von Stonehenge als Finsterniscomputer zugrunde gelegt hatte. Nach Hawkins konnten die Neolithiker über diese Positionen des Vollmondaufgangs, in beiden Wendepunkten des Mondes bzw. in der Mitte, auf der Sonnenwendposition, voraussagend interpolieren, wann ganz grob mit einer Finsternis im Jahr zu rechnen ist. Ging der Mond rechts bzw. links in seinen beiden Extremstellungen gegenüber dem mittigen Sonnenwendpunkt auf, waren Finsternisse nur zu den Zeiten beider Tag-und-Nachtgleichen möglich. Ging der Vollmond aber mittig dazwischen, also etwa auf der Sonnenwendachse auf, galt dies ausschließlich für Zeiten beider Sonnenwenden. Verlagerten sich die Mondaufgänge in beiden Zwischenräumen, ließen sich, mit reichlich Erfahrung, die Zeiten in denen mit Finsternissen zu rechnen war, zwischen den vier Kardinalsdaten des Jahres grob interpolieren.

Der Zyklus des Wechsels der Mondaufgänge von einem der beiden Wendepunkte des Mondes über die Mitte zum anderen Extrem und zurück dauert im Schnitt 18,61 Jahre. Wobei zu berücksichtigen bleibt, dass die Zeiten der Mondwenden nicht auf wenige Tage beschränkt sind, sondern auf den Zeitraum eines Jahres. Hintergrund ist die langsame Drehung der Mondbahnknotenachse einmal um die eigene Achse in diesen 18,61. Betrachtet man aber, wie die Neolithiker vielleicht kultisch motiviert, nur den Vollmondaufgang in der Mitte, also die Termine beider Sonnenwenden, macht der reale Wert von 18,61 Jahren keinen Sinn. Zumal solch ein Bruchwert kalendarisch nicht zu handhaben war. Dann muss man grob mit 18 oder 19 Jahren rechnen, wenn es beispielsweise immer um dieselbe Sonnenwende geht, zu Winterbeginn bzw. zu Sommerbeginn. Alternativ mit 18,5 und 19 Jahren. Im Grunde aber sind es zyklische Wechsel von 18 und mehrheitlich 19 Jahren bzw. entsprechende Wechsel von neun und zehn Jahren. Möglicherweise also liegt auch hierin das Geheimnis einmal der vertikalen Lesart der Kreismotive, die sich zu einem Zeitraum von neun Jahren zusammenfassen lassen und der peripheren Zählung von 19 Kreismotiven als Zeitraum von 19 Jahren.

Leider fehlte dem Urheber des Axtdekors die Möglichkeit, den neunzehn Kreismotiven und ihren auffälligen Gruppierungen eindeutig determinierende Symbole für Monat oder Jahr beizufügen. Ihm selbst war unmissverständlich klar, worum es ging. Da in seinem Grab aufgefunden, scheint die Axt für niemand anderen bestimmt gewesen und musste oder sollte sogar von niemand anderem bis ins Detail verstanden werden. Nur für unser Wissen um gleiche mehrere zahlenmäßig ähnliche astrokalendarische Kombinationsmöglichkeiten im Kontext der Finsternisrhythmik, des Mondknotenumlaufs und der Kalenderrechnung ergeben sich diese Deutungsdiskrepanzen. Vielleicht sollte man daher die Betrachtungsweise auf jenen Zeitraum beschränken, der sich aus der vertikalen Lesart mit neun Jahren ergibt und diesen auf die periphere Leseweise des Bogens mit neunzehn Kreismotiven übertragen.

Soll folgendes heißen: Vertikal steht jedes Paar Kreise für die zwei sich üblicherweise pro Jahr öffnenden Finsternisfenster im Abstand von üblichen sechs synodischen Monaten zueinander. Das aber entspricht im übertragenen Sinne für die vertikalen Kreispaare jeweils auch ihrer Symbolik der zwei Hälften desselben Jahres. Überträgt man nun diese Logik auf die Peripherie, ergäben sich dort mit neunzehn Kreisen neunzehn Halbjahre. Neunzehn Halbjahre, also 9,5 Jahren, ob lunisolar oder lunar gerechnet, ergeben wenig Sinn. Das ändert sich, wenn man stattdessen von neunzehn halben Finsternisjahren zu je rund 173,31 Tagen ausgeht. Ein Wert, der sich aus dem Wissen um das um rund neunzehn Tage kürzere Finsternisjahr gegenüber dem Sonnenlauf ergibt, wie es die neunzehn Strahlen rechts am Schaftloch suggerierten. Neunzehn halbe Finsternisjahre entsprechen, bis auf plus fünf bis sechs Tage, neun tropischen Jahren zu je 365,2422 Tagen, also neun Jahren des Sonnenlaufs. Mit dem halben Saroszyklus von neun Jahren und fünf oder sechs Tagen (halber Saroszyklus:  9 x 365,2422 d = 3287,18 d, 19 x 173,31 d = 3292,89 d, 111,5 synodische Monate = 3292,6607 d, 121 drakonitische Monate = 3292,6786 d.) ergäbe sich also vertikal und peripher gelesen eine annähernde Deckung. Wollte der Träger der Axt dieses Wissen um die Rhythmik der Finsternisse mit in die jenseitige Welt nehmen?

Footnotes

  1. Diese Diskrepanz fand ich erstmals erwähnt bei Kurt E. Kocher aus Dannstadt-Schauernheim in einem Büchlein mit dem Titel: “Die Boreer. Söhne der Morgenröte – 30 000 Jahre Astronomie und ihre Symbole.”, HeKo-Eigenverlag, 1979. Ein Autor, der schon vor 50 Jahren auf diverse astrokalendarisch anmutende Symbole, Artefakte und Denkmäler aus prähistorischen Zeiträumen aufmerksam machte, die größtenteils bis heute ihrer wissenschaftlichen Einordnung, Aufarbeitung und ikonologischer Deutung harren. Back to footnote
  2. Ich erhielt 2016 die Möglichkeit, diverse Exemplare der dekorierten Steinäxte und ein zwei Nachbildungen im Landesmuseum Halle/Saale persönlich eingehend in Augenschein zu nehmen. Die am Schaftloch der Axt von Halle-Radewell differierende Zahl der durchweg sorgsam eingravierten und sämtlich weiß inkrustierten Striche von links 14, rechts 19, kann ich zweifelsfrei bezeugen. Für die Möglichkeit der persönlichen, eingehenden Besichtigung der gesamten Sammlung dekorierter Steinäxte des Landesmuseums, die mir die heutige Abteilungsleiterin „Landesmuseum“ in Halle an der Saale, Frau Dr. Bettina Stoll-Tucker ermöglichte sowie für alle ihre weiteren Bemühungen danke ich ihr hier nochmals ausdrücklich von ganzem Herzen! Back to footnote
  3. Eine Astronomin kritisierte an dieser Theorie, der Diamantringeffekt sei erst durch die moderne Fotographie erkennbar geworden, da mit bloßem Auge wegen des noch immer grellen Sonnenlichts nicht zu beobachten. Dem lässt sich begründet mit dem Sternbild “Corona Borealis” begegnen, das zu den 48 klassischen Sternbildern der Antike zählt. Im astralen Mythos als von Gott Dionysos an den Himmel geschleuderte, im Dunkeln magisch leuchtende Krone seiner Braut Ariadne (personifizierte Sonnenkorona) erklärt, steht die bzw. das Sternbild genau für diese beiden Erscheinungen. Der peripher zentrale Stern Gemma (Edelstein) symbolisiert den “Diamant”, die übrigen, etwa einen Halbkreis bildenden schwächeren Sterne, den zugehörigen “Ring”. Back to footnote
  4. Vergleiche im antiken Mythos die zweimal sieben attischen Jugendlichen, die Opfer für den Minotauros. Siehe Kapt. II/4/13. Back to footnote

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