Kapitel VI

6.3
Megalithzeitlicher Beilkult – Spekulation und Horte

Sollte sich meine finsternisrelevante Deutung der dreizeiligen Botschaft auf Wandstein 21 in Gavrinis wissenschaftlich untermauern lassen, würde folgende Frage wohl unumgänglich: Warum bemühte der Schöpfer der Zeichenformation ausgerechnet das keilförmige Motiv der spitznackigen Beilklingen, um sein Finsterniswissen zu vermitteln? Archäologen sind sich sicher, die westeuropäischen, spitz- und rundnackigen Prachtbeile aus alpinem Jadeitgestein sind südeuropäischen Vorbildern aus Kupfer nachempfunden. Möglicherweise galt den metallurgisch unkundigen Megalithikern das überwiegend grünliche Gestein sogar als Gleichnis für das heute landläufig als “Grünspan” bezeichnete Oxyd des Kupfers an seiner Oberfläche. Beziehungsweise entspricht das grünliche Gestein auch der Färbung kupferhaltiger Erze und Mineralien wie Malachit.

Allerdings bietet das mitnichten eine Erklärung für die von den frühen bretonischen Megalithikern in Stein „abgekupferte“ Tropfenform der südeuropäischen Metallbeile. Es verlagert die Frage nach einer logischen Begründung für die Form der Beile höchstens dorthin. Meines Erachtens verbergen sich in der frühen Kupfermetallurgie gleich mehrere mögliche Ansätze für plausible Antworten. Erstens könnte die Tropfenform der Beile auf flüssiges, in Tropfenform erstarrttes Metall zurückzuführen sein. Frühe Kupferperlen zeigen, so zumindest meine Vermutung, dass flüssiges Kupfer mit entsprechend hohen Temperaturen erzeugt wurde. Zweitens ähnelt das im rötlich glühenden Zustand leicht formbare Kupfer dem Licht des total verfinsterten Vollmondes. Selbst erkaltet, erinnert das polierte, metallisch glänzende Erz noch an die Erscheinung des „Blutmondes“. Was vielleicht sogar die frühe Faszination des Metalles und dessen erste Verwendung in kleinen Mengen für zierende Akzessoires wie einfache Ringe, Spiralringe, Perlen und Ähnliches begründen könnte, die zunächst im rein kultisch bzw. im magisch-apotropäisch motivierten Kontext Verwendung fanden.

Wer dieses Metall trug, zeichnete sich womöglich als jemand aus, der die magische Kraft der kosmischen Götter des Lichts für sich zu nutzen verstand. Was, so ließe sich weiter spekulieren, mit fortschreitender Technologie analog auch noch für die Träger massiver Kupferbeile im südlichen Europa gegolten haben mag. Drittens könnten aber auch andere kosmische Phänomene beispielsweise am Himmel verglühende Meteore eine Erklärung bieten. Sie leuchten meist in einem grünlichweißen Licht mit verdicktem, rundlichen Kopfende und lang nachglühendem Plasmakanal. Ein Phänomen, das ich erst kürzlich wieder zufällig in der späten Morgendämmerung vor Sonnenaufgang auf dem Weg zur Arbeit beobachten konnte. Die Kopfform der Erscheinung mag aufgrund der Verjüngung zum schmalen Plasmakanal hin rund bis tropfenförmig gewesen sein, was ich aus der Erinnerung heraus aber nicht mehr eindeutig zu entscheiden wüsste.

Ein anderes Beispiel mit weit höherem Erinnerungswert sind vom Himmel zur Erde herabstürzende, wie flüssiges Metall in der Luft zerfließende, brennend donnernde, teils mit ungheurer Wucht detonierende Meteorite. Man erinnere sich an den per Videoaufzeichnungen mehrfach dokumentierten, im Jahr 2013 nahe der südrussischen Stadt Tscheljabinsk eingeschlagenen, -zig Tonnen schweren Himmelskörper, dessen Detonation in der Luft eine zerstörende Druckwelle erzeugte. Oder an die berühmte Historie vom 1908 ebenfalls in der Luft detonierten Meteoriten über der sibirischen Tunguska, dessen Druckwelle Millionen Bäume wie Streichhölzer knickte. Schließlich lassen sich auch die zuweilen über Wochen sichtbaren Kometen am Nachthimmel in diese Kategorie von leuchtenden Himmelserscheinungen einbeziehen, die ihrer Form nach mit jener der chalkolithischen Kupfer- und neolithschen, spitznackigen Steinbeile vergleichbar sind. Tatsächlich gibt es unter den bretonischen Steinbeilen aus Jadeit auch solche mit einseitiger Krümmung der Längsseite. Was der Form eines Kometen mit deutlich vom Sonnenwind gekrümmtem Schweif entspräche. Allerdings ließe sich diese Form auch auf den Produktionsprozess zurückführen, bei dem häufig aus viereckigen Jadeitplatten jeweils ein Paar Rohlinge gefertigt wurde. Es gibt Überlegungen, wonach die paarweise Darstellung der Beilklingenmotive in Gavrinis ebenfalls darauf zurückzuführen sein könnte. Mir will allerdings nicht recht einleuchten, wie man das mit der Anzahl der achtzehn Motive, ihrer dreizeiligen Anordnung und mit den fünf kopfstehenden Motiven sinnvoll vereinbaren will.

Wie auch immer. Die vorgenannten, gleichermaßen seltenen wie auffälligen, imposanten kosmischen Erscheinungen regten ganz sicher seit jeher die Phantasie der Menschen auf der Suche nach plausiblen Erklärungen an. Vom Menschen unbeeinflussbar wurden sie sicher höheren Mächten zugeschrieben, lieferten Stoff für mythische wie kosmologische Betrachtungen. Als Erscheinungen des Lichts könnten Menschen in chalkolithischer Zeit sie spekulativ als Waffen himmelgöttlicher Mächte gedeutet haben, als tropfenförmige Wurfbeile aus glühendem Erz oder Gestein, mit denen Entitäten des Lichts ihre vermeintlichen Gegner, die Mächte von Finsternis und Chaos bekämpften. Wenn Sternschnuppen, Meteore oder Meteoriten sichtbar zersprangen, mag man das als einen Treffer gedeutet haben, der die am nachtschwarzen Himmel unsichtbare Macht der Finsternis getroffen hatte bzw. von dieser abgewehrt wurde.

Derlei Vorstellungen bildeten vielleicht den Ursprung für die aus viel späterer Zeit überlieferten Mythen der antiken Griechen, denen zufolge bezeichnenderweise der himmlische Schmiedegott Hephaistos für Götter wie Zeus Waffen fertigte wie den mächtigen „Donnerkeil“. Der schon dem Namen nach im Grunde noch immer auch auf die einstige Tropfenform chalkolithischer Kult- bzw. früher Kupferbeile zurückführbar scheint. Nicht zuletzt möchte ich im gleichen Kontext auch auf die kupferrötlich funkelnden, hellen Fixsterne Aldebaran im Sternbild „Taurus“ und Antares im Sternbild „Scorpio“ verweisen, die ebenfalls seit chalkolithischer Zeit eine Rolle im Kontext finsternisbezogener Mythen gespielt hatten, insbesondere in der ägyptischen Kultur. Ferner ließe sich hierzu auf die altindische Mythologie und Kosmologie verweisen nach der sich die Götter im Himmel mit gewaltigen Waffen bekämpften.

Wollte man den Waffen kosmischer Lichtmächte jene ihrer finsteren Kontrahenten gegenüberstellen, so liegt nahe, bei diesen von ähnlichen Waffen und Formen ausgehen zu müssen, oder? Was sonst hätten sich die Menschen damals vorstellen können, als das ihnen Bekannte? Unter dieser Prämisse lenkt das den Gedanken auf die Sonne und Mond bedeckenden Finsternisschatten. Die, wie besagte kosmische Lichtbeile auch, stets runde Ränder aufweisen, daher vermeintlich ähnlich geformt waren, nur eben lichtschluckend. Die rundliche Randform wiederum hätten sie aber auch mit den Schneiden der frühen Kupfer- und bretonischen Steinbeile gemein.

Differenziert man vor diesem Gedankenhintergrund urzeitlicher Vorstellungen auch zwischen den regelmäßig tiefschwarzen, undurchdringlichen Schatten einer SoFi gegenüber dem kupferrötlichen bis -bräunlichen, durchscheinenden Schatten, der sich bei einer totalen MoFi über den Vollmond legt, mögen sich die Menschen seinerzeit Letzteres vielleicht als kosmische Reflexion eines gewaltigen, in der Unterwelt vor einem gigantischen Schmiedefeuer geschwungenen, rötlich glänzenden Kupferbeils vorgestellt haben. Mit dem neolithischen Wissen aber, Finsternisse des Mondes können prinzipiell im sechsmonatigen Abstand aufeinanderfolgen, bedurfte es zusätzlich einer plausiblen Erklärung für diese Regelhaftigkeit. So könnten, schon in der Kupfersteinzeit, Menschen auf die Idee von einer unterweltlichen Schmiedewerkstatt verfallen sein. In der ein Gigant nur alle sechs Monate ein kupfernes Beil von gewaltiger Größe fertigzustellen vermochte, das er dann, aus welchen Gründen auch immer, ausschließlich in Vollmondnächten drohend gegen die Himmelsgötter erhob. Wobei die rötliche Glut des Schmiedfeuers von der Axt reflektiert, das Mondlicht rot färbte. Man denke hierbei etwa an die mythischen Überlieferungen der antiken Griechen vom gewaltigen, aber kunstvollen Schmiedegott Hephaistos, dessen Schmiedefeuer oft mit Vulkanen assoziiert wurde. Eine göttliche Dimensionierung, die den eben beschriebenen Vorstellungen entsprechen würde. Der Ursprung dieses Gottes scheint, wie der seines Namens unklar. Spekulationen zufolge könnte er aus östlichen Regionen mit früher Metallurgie stammen. Eines seiner Symbole war die Doppelaxt, mit der er Zeus den Schädel spaltete, dem daraufhin die Zeustochter Athena in voller Rüstung entsprang. Es war auch Hephaistos, der die mächtigsten Waffen der Götter ersann und anfertigte.1

Eine mögliche oder zeitlich jüngere Alternative, ebenso spekulativ wie meine hier vorangestellten Überlegungen, wäre die Vorstellung von einer gewaltigen Axt oder Doppelaxt aus rötlich durchscheinendem Bernstein, wie sie in miniaturisierter Form als Bernsteinperlen nachgewiesen wurden. So zeigt etwa Ernst Probst in seinem Band “Deutschland in der Steinzeit” auf der Bildtafel S. 304 in Abb. 38 und 39 eine aus taubem, grünlichem Gestein mit weißen Sprenkeln gefertigte Doppelaxt, die wegen ihrer dicken Schneidenteile bestenfalls für kultische oder repräsentative Zwecke taugte, neben einer sehr schönen, doppelaxtförmigen Bernsteinperle. Dem Bildtext nach stammen beide aus der nordischen Trichterbecherkultur. Analog zu diesen Betrachtungen könnte man sich dann den schwarzen Schatten einer Sonnenfinsternis als doppelschneidige Waffe, als kupferne oder später bronzene Doppelaxt eines kosmischen Giganten erklärt haben, die direkt vor der Sonne vorbeigeführt wurde. Weshalb der Schatten stets undurchdringlich blieb und bei einer totalen Sonnenfinsternis selbst die spürbare Abkühlung erklärt haben könnte.

Natürlich! All das sind lediglich vage Vermutungen. Fakt ist jedoch, wollen wir die Weltvorstellungen prähistorischer Kulturen begreifen, gehören nicht nur die kosmischen Finsternisse von Sonne und Mond, das unablässige Kreisen der Sterne, der Milchstraße oder der Planeten unabdingbar dazu, sondern alle, auch uns heute noch faszinierenden anderen lichten Himmelserscheinungen. Folglich müssen wir uns eingehend damit auseinandersetzen, zu welcher Zeit die Menschen sich aufgrund ihrer jeweiligen geistigen und technischen Kenntnisstände solche Phänomene wie erklärt haben könnten und wie die archäologischen Artefakte dazu ins Bild passen. Gerade die Bedeutung von Beilen und Äxten in der neolithischen Entwicklung Europas, soweit sie nicht eindeutig als Werkzeuge und Waffen hier ausgeschlossen werden können, muss doch in ihrer gesamten Entwicklung und möglichen kultisch-kosmologischen Bedeutung einmal konsequent überdacht werden.

Der europäische Verbreitungsraum des Kultes um die hochglanzpolierten Prachtbeile aus seltenen Gesteinen westalpinen Abbaus deckte sich – nach sekundärer Darstellung bei Britta Ramminger in einer Rezension zum ausführlichen französischen Werk von Pierre Pétrequin et al zu diesem Thema – gut mit dem Verbreitungsgebiet der Megalithkulturen.2 In dieser Region scheint die Deponierung der Prachtbeile, die zuweilen derart dünn waren, dass sie lediglich zur puren Symbolik taugten, vorwiegend im Zusammenhang mit megalithischen Bauten wie Dolmen und Cairns sowie den monumentalen Langhügelgräbern gestanden zu haben.

Die meist ungeschäftet gebliebenen Prachtklingen beschränkten sich allerdings nicht auf Beigaben von Bestattungen. Sie wurden, wobei sich das Folgende im Wesentlichen auf archäologische Forschungen bezieht, die im Wesentlichen nur den Kreis der nördlichen Trichterbecherkulturen (ca. 4300 – 2800 v. Chr.) betreffen, nicht nur in und um Megalithgräber herum deponiert, sondern häufig auch in Seen, Teichen, Mooren, in feuchten Niederungen. Mutmaßlich galten in diesem Kulturkreis Gewässeroberflächen als direkte, natürliche Sphärenscheiden zwischen Dies- und Jenseits. Weshalb, so eine ergänzende Mutmaßung, in den häufiger über Feuchtgebieten entstehenden Nebeln Anzeichen für die Präsenz immaterieller Entitäten wie die der Geister verstorbener Ahnen gesehen worden sein könnten. Solche unwiederbringlichen Opfer wie in Mooren belegen, dass hier kein Magazine für schlechte Zeiten angelegt wurden, sondern wirkliche Opfer mit kultisch-religiösem Kontext.

Neben den vermutlich aus dem bretonischen Raum auch hierher gelangten Steinbeilen aus dem exotischen Jadeit westalpinen Ursprungs und anderen, tauben grünlichen Felsgesteinen, favorisierten die Menschen der nördlichen Trichterbecherkulturen eher flach- und dünnnackige Beile aus grauem Silex (Feuerstein oder Flintstein). Weshalb die Beilklingen hier eine rechteckige bis längliche Trapezform mit meist nur leicht oder gar nicht gerundeten Schneiden besaßen. Was, noch deutlicher bei den etwas späteren dicknackigen Beilklingen, offenbar mehr die praktische Waffentauglichkeit betonen sollte, als bei den spitz- bis rundnackigen bretonischen Beilformen.

Interessant sind nun die Häufungen ganz bestimmter Zahlen an in Horten kultisch niedergelegter Klingen in der nordischen Trichterbecherkultur, die dem Anschein nach regelmäßig ungeschäftet blieben. Was in einer Reihe von Fällen schon aus der Art geschlossen werden konnte, wie sie gemeinsam in einem solchen Depot angeordnet worden waren. Die etwas ältere Forschung von Manfred Rech belegt eine Häufung von ausgerechnet drei Klingen in solchen Horten. 3 Obendrein wurden die Klingen nach bildlichen Darstellungen bei Manfred Rech zu dritt häufig auffällig systematisch arrangiert: horizontal in Reihe nebeneinander oder auch hintereinander liegend, vertikal stehend in Reihe ver- bzw. nur zum Teil eingegraben, liegend gestapelt, im Dreieck, im Zickzack bzw. radial angeordnet oder in anderen, ebenso auffälligen geometrischen Formationen. Was auf bedachte rituelle Handlungen zu eher selteneren, kultisch motivierten Anlässen hindeuten könnte.

Eine zweite, jüngere Forschungsquelle zum selben Thema und Kulturkreis, lässt noch tiefer blicken. Von Florian Klimscha erfährt man in: „Das Opfer und das Geopferte“ Folgendes: „Wo die Horte mit Schäftungen und Knochen in der Regel eine, selten mehr als zwei Beilklingen mit sich führen, gilt für die reinen Beilklingenhorte das genaue Gegenteil. Drei bis sieben Beile in einem Hort sind durchaus geläufig; dazu häufig mit Meißeln vergesellschaftet, die in den Horten mit Knochen und Schäftungen fehlen. Es scheint angebracht beide Gruppen voneinander zu trennen. Reine Beilhorte auf der einen Seite und Horte mit Knochen oder Schäftungen, bei denen manchmal eine Beilklinge gefunden wurde, auf der anderen.“4 Zum besseren Verständnis sei hierzu angemerkt, dass Klimscha Mischhorte mit Knochen, Keramikresten und einzelnen, soweit nachweisbar geschäfteten Klingen, als Niederlegungen der Opferreste von Menschen oder Tieren einschließlich der bei der Opferung verwendeten, sakral erachteten Gerätschaften einordnete, während die reinen Beilklingenhorte samt Meißeln seiner Beobachtung nach selbst das dargebrachte Opfer darstellten.

Für mich von allergrößter Bedeutungs sind die laut Klimscha als üblich angegebenen Zahlen zwischen ausgerechnet drei und sieben rituell in den reinen Horten der nordwestdeutschen Trichterbecherkulturen niedergelegten Beilklingen. Hier bietet sich meiner Meinung nach sowohl einen erwägenswerten Bezug zu Jahren mit drei Finsternisfenstern (häufige Dreizahl der Beile) als auch ein Bezug zur Anzahl möglicher Finsternisse in diesen Jahren, mit dem bezeichnenden Optimum von maximal bis zu sieben möglichen Finsternisereignissen binnen 365 Tagen. Überdies ergäbe sich eine gewisse Paralle zum Zahlenwerk der spitznackigen Beilklingenmotive auf Wandstein Nr. 21 in Gavrinis, den es eingehender zu untersuchen lohnen könnte.

Vermutlich ist noch niemand auf die Idee verfallen, derartige archäologische Befunde dahingehend zu überprüfen, ob sich ein Bezug zwischen den häufigen Dreierformationen reiner Beilklingenhorte und Finsternissen herstellen lässt. Meines Erachtens spricht das beobachtete Zahlenwerk und die hier offerierten Darstellungen zum neolithischen Beilkult bzw. zur Symbolik tropfenförmiger, teils sogar finsternisrelevant dekorierter Steinbeilklingen in erheblichem Maße dafür. Auch das typische Grau der nordischen Flintbeile lässt sich als Gleichnis für die kosmischen Schatten werten. Für mich jedenfalls eröffnet sich hier eine weitere lohnende Forschungsrichtung, bei der Prähistoriker und Archäoastronomen im einst megalithisch geprägten Europa Hand in Hand ein verlässliches Fundament für aufbauende Forschung im wissenschaftlichen Fachbereich der Archäoastronomie an Museen und Forschungsinstituten schaffen könnten. Zusammenhänge zwischen reinen Beilhorten und der kosmischen Rhythmik der Finsternisse sehen zu wollen, wäre vollkommen abwegig erschienen, ohne das Wissen um die Bedeutung der dreizeiligen Botschaft in Gavrinis anhand der spitznackigen Beilklingenmotive und jener der vielleicht etwa zeitgleich dekorierten, ebenfalls durchweg tropfenförmigen Steinäxte aus der Salzmünder Kultur mit zu engem „Axtauge“, das vielleicht nie für eine Schäftung vorgesehen war. Nun aber zeichnet sich etwas ab, das es für Wissenschaftler lohnend erscheinen lassen sollte, sich eingehender mit dem Beilkult, mit Beilfunden, deren Be- und Beifunden sowie bildlichen Darstellungen von Beilen aus der Megalithzeit in Europa und darüber hinaus im Kontext der Finsternisse zu beschäftigen!

Resümierend lässt sich zwar feststellen, dass hinsichtlich der ikonologischen Deutung der dekorierten Steinäxte von Halle-Radewell und Wallendorf-Wegwitz wie auch anderer Exemplare der Salzmünder Kultur sowie der dreizeiligen Zeichenbotschaft aus Gavrinis jede Menge offener Fragen bleiben. Insgesamt jedoch lässt sich berechtigt der Verdacht formulieren, das Metier der Finsternisse bietet einen sinnvollen Einstieg, um diesen und den mit ihnen verknüpften prähistorischen Zeugnissen künftig auf wissenschaftlicher Basis ihre ikonologischen Geheimnisse zu entreißen. Denn auch die Symbolik im bzw. am irischen Heiligtum von Newgrange lässt hier und da einen Zusammenhang mit der Rhythmik der Finsternisse vermuten. Ganz zu schweigen von Stonehenge in Südengland, das möglicherweise schon von Beginn an dem Phänomen der Finsternisse gewidmet war.

Footnotes

  1. Zu Hephaistos siehe u.a. den Beitrag: “Hephaistos” von Wamser-Kraznei unter https://bdsae.org, des Bundesverbandes deutscher Schriftsteller Ärzte e.V. Back to footnote
  2. Buchrezension von Britta Ramminger zur Publikation von Pierre Pétrequin et al.: „JADE. Grandes haches alpines du Néolithique européen. Ve et IVe millénaires av. J.-C.“, Les Cahiers de la MSHE Ledoux Band 17. Presses Universitaires de Franche-Comté et centre de Recherche Archéologique de la Vallée de l’Ain Band 1224, Besançon 2012, dort unter Kapitel 11; Britta Ramminger, S. 286 in: „GERMANIA“ Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Rezensionen, Bd. 93/2015 (2016) SS. 284-288. Wobei der atlantischen Region um Carnac und dem Golf von Morbihan dabei eine Schlüsselrolle zukommt.[(Remminger zu Pétrequin et al: ebenda, S., 286. Back to footnote
  3. Onlineportal der IT-Gruppe der Geisteswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Lehre in den digital Humanities“ unter dem Titel: „Feuersteinbeile“ Abs.: „5.3 In Depotfunden“ u. Abb. 16. Veröffentlicht am 07. Juni 2020 von Malinda, dort mit Quellenverweis auf die Vorarbeit von Manfred Rech: „Studien zu Depotfunden der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur des Nordens“, Neumünster 1979. Quelle: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=183276. Back to footnote
  4. Florian Klimscha: „Das Opfer und das Geopferte. Versuch einer kontextuellen Deutung der reinen Beilhorte und der hölzernen Beilschäftungen in neolithischen Horten der Trichterbecherkultur“, S. 122 re. Sp. m., in: „Archäologische Informationen“, Berichte SS. 119-129, Bd. 32 Nr. 1&2 (2009), Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Quelle online unter: https://journals.ub.uniheidelberg.de/index.php/arch-inf/article/view/10199. Back to footnote

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