Das Zodiakallicht ist eine Lichterscheinung am Nachthimmel, die in vorgeschichtlicher Zeit in der gesamten Alten Welt möglicherweise über viele Jahrtausende hinweg aufmerksam beobachtet wurde. Heute lässt sich das schwache nächtliche Lichtband wegen der globalen “Lichtverschmutzung“ kaum noch beobachten. Aus diesem Grund wissen vermutlich relativ wenige Menschen um die Erscheinung. Auch Prähistoriker dürften mit dem Begriff kaum etwas anzufangen wissen. Das Phänomen scheint in der Ur- und Frühgeschichtsforschung weltweit kaum eine Rolle zu spielen. Entsprechend unterbelichtet sollte in der Fachwelt auch seine kulturhistorische Bedeutung sein.

Abb. 1: Grafik Zodiakallicht.
Etwa so, nur wesentlich lichtschwächer, stellt sich das Leuchten um Mitternacht unter optimalen Bedingungen dar. Die Sonne steht im Zenit ihrer Bahn unter der Erde, wird aber, diametral gegenüber, oberhalb des Horizonts, an kosmischen Partikeln im Orbit der Planeten als diffuser, schwach aufgehellter Fleck reflektiert.1
Bereits in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit dürfte das Interesse am zodiakalen Leuchten überall deutlich geschwunden sein. Seine Bedeutung hatte sich einfach überlebt. Es blieb nurmehr Gegenstand mythologischer Betrachtungen zu Phasen kultureller Frühentwicklung. Die Astronomie konzentrierte sich wie die Astrologie und die Nautik auf Fixsterne, Planeten, Ekliptik und Zodiakos. Kalendarisch wurden immer ausgefeiltere Zeitrechnungen entwickelt. Finsternisse ließen sich mittlerweile berechnen. Für keine dieser Bereiche bot das Zodiakallicht noch einen praktischen Nutzen. Mit den antiken Göttern verschwanden schließlich auch seine sprachlichen und bildlichen Gleichnisse aus dem Alltag.
Wie weit das menschliche Wissen um den zodiakalen Lichtschein zurückgeht, muss erst gründlich erforscht werden. Spekulativ scheint es, nach meinen Ermittlungen, bereits in Çatalhöyük, einer der ältesten Großsiedlungen der Menschheit bekannt gewesen zu sein. Ein Ort, der für Archäoastronomen erstaunliche Einblicke in die ideellen Weltvorstellungen, aber auch in die frühen astronomischen Fähigkeiten frühneolithischer Menschen im 7./6. Jt. v. Chr. zu bieten haben dürfte. Doch nicht nur das! Hier, in der Konya-Ebene im heutigen türkischen Zentralanatolien, überschneiden sich scheinbar die neu entwickelten kosmologischen Vorstellungen der frühen sesshaften neolithischen Lebensweise mit den überlieferten Weltbildern und Glaubensvorstellungen spätmittelsteinzeitlicher und präkeramisch frühneolitscher Kulturen. Was den doppelten Siedlungshügel von Çatalhöyük sinngemäß zu einer Art kulturhistorischem Brennglas für Prähistoriker in beide Richtungen macht. Mit ebenso fundamentaler Bedeutung sowohl für die archäologische Forschung als auch für die Archäoastronomie.
Das Zodiakal- oder Tierkreislicht zeigt sich als ein relativ schwaches Leuchten am nächtlichen Himmel im Umfeld der Ekliptik.2 Bei dem schwachen Lichtschein handelt es sich um eine Reflexion des Lichts der bereits deutlich unter dem Horizont stehenden Sonne an feinsten Staubpartikeln im Orbit der Planeten um die Sonne, ergo in Ekliptiknähe. Durch die orbitale Sphärik bedingt, verjüngt sich der Lichtschein mit zunehmender Höhe über dem Horizont wie ein Paar nach innen gekrümmter, spitz zulaufender Hörner. Wo sich die ‘Hörnerenden’ berühren, erscheint bei günstiger Bedingung gegen Mitternacht ein diffus aufgehellter Fleck. Hier spiegelt sich schwach die diametral unter dem Horizont am tiefsten Punkt ihrer Bahn weilende Sonne wider. Nach abendlich fortgeschrittener Dämmerung ist meist nur der westliche, gegen Morgen eher der östliche Lichtarm wahrnehmbar. Nur gegen Mitternacht, bei optimalen Bedingungen ließ sich vermutlich der komplette Bogen mit schwacher, zenitaler “Nachtsonne“ beobachten.
Aufgrund seiner mit der Ekliptik vergleichbaren Sphärik vollführt das Zodiakallicht analoge, sinusförmig auf und ab schwingende Verlagerungen in Bezug auf den Horizont. Ähnlich verhält es sich mit den Verschiebungen seiner diametralen Basen auf dem Horizontkreis. Sie verlagern sich wie die Sonnen- bzw. Mondauf- und -untergänge auf dem Horizont halbjährlich vor und zurück. Grundsätzlich ist der Lichtbogen dabei ost-westlich orientiert. Wegen der weltweiten ‘Lichtverschmutzung‘ ist es, wie gesagt, kaum noch zu beobachten. In prähistorischer Zeit ließ sich der nächtliche Widerschein hingegen in klaren, möglichst mondlosen Nächten mehr oder weniger deutlich überall wahrnehmen. Logischerweise geographisch bedingt mit jahreszeitlichen Einschränkungen wie den in Richtung nördlichere bzw. südlichere Breiten kürzer und heller werdenden Sommernächten.
Prinzipiell günstigere Bedingungen zur Beobachtung boten äquatornahe Breiten. Grund dafür ist hier die geringere Neigung der Ekliptik gegenüber gemäßigteren Breiten. Ebenso ließ hier die deutlich kürzere Dämmerungsphase abends frühere Beobachtungen zu. Mit zunehmender Entfernung zum Äquator wird die Neigungsschwankung der Ekliptik größer. Da die Ekliptik zu den Äquinoktien (den Tag-und-Nachtgleichen) recht steil ost-westlich verläuft, ergeben sich für mittlere Breiten prinzipiell zu diesen Zeiten die besten Chancen für die Beobachtung der beiden Lichtsäulen. Bei zunehmender Neigung der Ekliptik, das heißt, je weiter man sich zeitlich von den Äquinoktien entfernt, steigt in mittleren und nördlicheren Breiten die Gefahr, dass die zum Horizont dichter werdenden Luftmassen, insbesondere bei feuchter Luft, das schwache Zodiakallicht schlucken.
Betrachtet man die Erscheinung vom Himmel herab, könnte man darin, statt eines Rindergehörns aus Licht, einen ‘Lichtvogel‘ im frontalen Anflug bzw. davonfliegend erblicken, mit mächtigen, zu beiden Horizonten hin breiter werdenden Schwingen. Wieder anders herum, von den Horizonten zum Himmel aufsteigend, lässt sich ebenso an zwei gigantisch lange, schmaler werdende Hälse aus Licht denken, ähnlich den langen Hälsen zweier diametral einander gegenüberstehender Brontosaurier. Einer, der sich zunächst von Westen her erhebt, sich gegen Mitternacht im Zenit mit seinem von Osten her erwachsenden Gegenüber vereint, der während der zweiten Nachthälfte übernimmt. Wobei nur die Hälse erkennbar werden, die Körper der Wesen aber hinter dem Horizont verborgen bleiben.
Insider werden im Fall des Lichtvogels vielleicht an den aus Ägypten überlieferten Horus-Falken als kosmische Lichterscheinung denken, dessen Augen Sonne (“Nachtsonne?) und Mond waren. (Ob diese späteren schriftlichen Darstellungen allerdings auch schon für die prä- und frühdynastische Zeit gelten können oder erst später in ihrer Geltung auch auf diese Zeit rückübertragen wurden, scheint einigermaßen fraglich. Seltsamerweise wurde der Horusfalke in früher Zeit so gut wie nie fliegend dargestellt.) Ebenso mag Insidern hinsichtlich der Betrachtungsweise zweier diametraler Langhalsmonster die stets paarweise dargestellten Schlangenhalsdrachen aus der sumerischen Mythologie in den Sinn kommen. Tatsächlich dürfte das Zodiakallicht die astronomische Grundlage für beide mythischen Vorstellungen bilden, mit denen man sich im 4. Jt. v. Chr. dort noch die nächtliche, scheinbar sichtbare Rückbewegung der schwach glimmenden Sonne im zodiakalen Lichtbogen von West nach Ost erklärt haben dürfte. Allein diese zwei Beispiele lassen die möglicherweise fundamentale Bedeutung des Zodiakallichts für die frühe kultische, astronomische, kosmologische und kosmogonische Entwicklung erahnen. Gerade diese ideellen Aspekte besaßen ihrerseits aber auch großen Einfluss auf die gesamte kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung, nicht nur in Ägypten oder Mesopotamien, sondern überall in der Alten Welt.
Auch der Mond erscheint regelmäßig in dem zodiakalen Lichtbogen. Zwar überstrahlt er mit zunehmender Präsens nachts dessen schwaches Leuchten. Im Verlaufe eines Jahres aber ließen sich immer wieder einprägsame helle Fixsterne, die auffälligen Wandelsterne, Sternhaufen oder markante Sternkonstellationen im Bogen des Zodiakallichts bzw. entlang seiner Ränder beobachten. Wobei der Mond selbst mit seinem schwankenden Weg um die Ekliptik wiederum die Ränder jenes Himmelsstreifens markierte. Man brauchte letztlich also nur im Weg des Mondes nach markanten Sternen suchen, um übers Jahr hinweg ungefähr die Position bzw. die Stellung des Zodiakallichts auch dann bestimmen zu können, wenn Vollmond herrschte. Solche markanten, nächtlichen Himmelsmarken waren sicher die Plejaden und die Hyaden, diesen gegenüber am Nachthimmel auch die auffällige Konstellation des Sternbildes “Skorpion” (lat.: Scorpio) Noch ein drittes und viertes markantes Sternbild wie beispielsweise das des “Löwen” jeweils mittig zwischen diesen und man hatte zumindest eine ungefähre nächtliche Orientierung das ganze Jahr über in einer Art Vierspeichenrad zur Bestimmung für den zodiakalen Lichtstreifen.
Bei naiver Deutung des Zodiakallichts als ‘Lichtgehörn‘ bzw. als imaginärer Abglanz des Gehörns eines monströsen, unterweltlich zu verortenden Stieres oder als lichte Erscheinung eines Stiergeistes erweckten die sinusförmigen Schaukelbewegungen des zodikalen Lichtbogens möglicherweise den Eindruck, ein gigantischer Bovide drehe und neige dort auf typische Weise des angriffslustigen Stieres ständig sein Haupt. Wodurch er die kosmische Sphäre jenseits des Erdenrunds samt Sonne und Mond permanent in Bewegung hält. Eine Vorstellung, mit der sich sämtliche Lichterkreisläufe am Himmel für die damaligen Menschen anschaulich begründen ließen.
Wann derartige Vorstellungen vom gigantischen Lichtstier entwickelt wurden, ist für mich nicht zu beantworten. Möglicherweise zeugen schon Darstellungen von Wildstieren in den altsteinzeitlichen Höhlen von der Beobachtung des Zodiakallichts. Was insbesondere für Darstellungen von Wildrindern in seitlicher Perspektive gelten könnte, deren Schädel, bzw. auch nur das Gehörn, dem Betrachter jedoch eher frontal zugewendet, überdimensioniert oder anderweitig betont erscheinen. Besondere Beachtung sollten hierbei die großen weißen, gesprenkelten Stiere in der Höhle von Lascaux im sogenannten “Saal der Stiere” finden. (Zur ikonologischen Betrachtung entsprechender altsteinzeitlicher Bildzeugnisse soll ein eigenes Kapitel auf dieser Seite entstehen.) Wobei natürlich diese Stierbilder auch das Sternbild “Taurus” betreffen könnten. Hier müssten spezielle Forschungen durch versierte Archäoastronomen ansetzen, um entsprechende Differenzierungen bzw. Zuordnungen der altsteinzeitlichen Wandbilder zu ermöglichen.
Letztlich führten anhaltende Beobachtungen – wohl viel früher als bislang vorstellbar – zur Einsicht, Mondfinsternisse ereignen sich ausschließlich vor demselben Sternenhintergrund, vor dem sich bei lunarer Abwesenheit das schwache Lichtband über den Nachthimmel wölbte. Schließlich muss den frühen Himmelskundigen irgendwann aufgegangen sein, dass sich der Vollmond immer nur nahe der Mitte des zodiakalen Lichtstreifens verfinsterte, nie an seinen Rändern. Nach entsprechenden, anhaltenden Beobachtungen wiederum dürfte man vermutlich ebenfalls vergleichsweise früh eine gewisse Rhythmik der Mondfinsternisse erkannt haben.
Als letzter Aspekt zur kosmologischen Bedeutung des Zodiakallichts sei darauf hingewiesen, dass die hellen “Wandelsterne“, insbesondere die der Sonne nahe stehende Venus, den Weg anzeigten, auf dem das nächtliche Zodiakallicht sich Richtung aufgehende Sonne fortgesetzt hätte bzw. sich umgekehrt abends, im Gefolge der bereits untergegangenen Sonne, am westlichen Horizont entwickelte. Eine Erkenntnis, die sich südlich des Mittelmeeres, wegen der kurzen Dämmerungszeiten und grundsätzlich steileren Stellungen der Ekliptik früher durchgesetzt haben dürfte als in den gemäßigteren Breiten Eurasien.
Ging dann zufällig die Sonne bereits verfinstert auf oder unter, könnte, je nach regionalen Entwicklungsständen, schon in manchen neolithischen oder frühbronzezeitlichen Kulturen auch eine Beziehung zwischen der Stellung des Zodiakallichts und Sonnenfinsternissen erkannt worden sein. Irgendwann wurde dem Menschen schließlich klar, dass der Weg der “Nachtsonne”, im Zentrum des zodiakalen Lichtbogens, im Tagweg der Sonne am Himmel seine Fortsetzung findet. Das war die Geburtsstunde der vorerst wohl noch präekliptikal fokussierten Weltbilder der frühen Bronzezeit, in denen die Sonne zum mächtigen Allgott avancierte, der in ständiger Auseinandersetzung mit den Mächten der Finsternis stand.
Footnotes
- Vergleiche hierzu z. B. Foto unter: https://www.eso.org/public/germany/images/zodiacal-light/ oder mehrere schöne Fotos unter: https://www.starobserver.org/tag/zodiakallicht/
- Die Erklärungen zum Zodiakallicht basieren zum Teil auf: https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/astronomie/sterngucker/zodiakallicht-tierkreislicht-staub-ekliptik-100.html, Online-Veröffentlichung des Bayerischen Rundfunks vom 17.10.2022 unter dem Titel: „Das Zodiakallicht / Tierkreislicht – Zarter Lichtkegel am Horizont“, zuletzt eingesehen: 14.12.2024. Sowie auf einer ergänzenden Auskunft des Bayerischen Rundfunks per E-Mail vom 31.10.2022. Ferner wurden Angaben aus Wikipedia, Stichwort: „Zodiakallicht“ verwendet, zuletzt eingesehen: 14.12.2024.
