Seit Gründung der Europäischen Union publizierten diverse Autoren Aufsätze, teils philosophischer Natur, über Herkunft und Bedeutung des Namens unseres Kontinents. Regelmäßig findet sich darin auch der Stierritt der Europa erwähnt. Ebenso regelmäßig aber mangelt es den Traktaten an der doch eigentlich naheliegenden Rückbesinnung darauf, dass der Entführer der Europa, Allvater Zeus, in der mykenisch-griechischen Kulturentwicklung nicht ohne kosmologischen und konkret astronomischen Hintergrund zu denken war. Warum spielt das zwar in der Mythenrezeption eine überragende Rolle, siehe Karl Kérenyi oder Robert von Ranke-Graves, kaum aber, wenn es um die kulturhistorische Bedeutungsklärung des Namens unseres Kontinents geht?
Meines Erachtens verweist das auf eine bedeutsame Lücke im wissenschaftlichen Verständnis der gesamten vor- und frühgeschichtlichen, europäischen Kulturentwicklung die in hohem Maße von kosmologischen und astronomischen Erkenntnissen und deren Umsetzung in kultisches und damit gesellschaftsprägendes Brauchtum mitbestimmt wurde. Diese für mich klaffende Verständnislücke betrifft die eigentlichen, die vorantiken Wurzeln abendländischer Kulturprägung. Weshalb sich die antiken griechischen und römischen Weltsichten, trotz zahlloser Anlehnungen an orientale Weltbilder, deutlich von den morgenländischen unterschieden. Was schon in antiker Zeit so wahrgenommen wurde und zur ideellen, schließlich auch zur geographischen Differenzierung zwischen Abend- und Morgenland beitrug.

Abb. 1: „Europa auf dem Stier“ – Bronzeplastik, Entwurf von Nikos Koundouros, gefertigt von Nikos und Pandelis Sotiriadis, eingeweiht 03.11.2012 in Agios Nikolaos, Ostkreta. Europa wirbt mit Taube und Kugel symbolhaft für globalen Frieden und Völkerverständigung. (Foto: Autor)
Abendland bedeutet doch zunächst einmal Land, das in Richtung Sonnenuntergang liegt. Also dort, wo das Licht stirbt und damit sinngemäß das Reich der Dunkelheit, der Schatten beginnt, dass sich von dort, irgendwo verborgen hinter dem Horizont, bis zum Osten ausdehnte, wo das Licht allmorgendlich neu ersteht. “Abendland” assoziiert folglich Begriffe wie Nacht, Dunkel, Schatten, Unterwelt, Altern, Tod und Vergänglichkeit. Was wiederum gleichnishaft schon früh auch auf das Phänomen der kosmischen Finsternisse von Sonne und Mond übertragen wurde. Das wiederum generiert den Zirkelschluss, Europa, das Abendland, könnte in frühgeschichtlicher Zeit auch als “Heimat der Finsternisse” verstanden worden bzw. gemeint gewesen sein. Vor allem dann, wenn im Kontext kosmischer Finsternisse hier ausgeprägte Kulte und Opferriten zelebriert wurden oder Schicksalsurteile vom Eintreten oder Ausbleiben prophezeiter Finsternisse abhingen.
Was in dieser abstrakten Formulierung weit hergeholt erscheint, hat durchaus auch etwas für sich! Man denke dabei an die frühen Vorstellungen der Ägypter. Bei denen war Chaosgott Seth ursprünglich auch Finsternisgott. Der wurde nicht nur als antropomorph gestalteter Gott, sondern auch als schwarzer Stier gedacht. Sein Refugium wurde fern im Westen, im Reich des Sonnenuntergangs, weit hinter dem Horizont verortet, wo er zumeist unter den Fremdvölkern Unheil anrichtete. Wie kamen die alten Ägypter auf diese Idee? Was hat sie bei diesem Weltbild inspiriert? Waren es generelle Vorstellungen von kosmischen Rindviechern als Träger des Lichts – siehe die kuhköpfigen Göttinnen Bat und Hathor, den Apisstier, mit Seth als ursprünglich ähnlich gestaltetem, finsterem Widersacher? Vorstellungen, die womöglich schon Jahrtausende früher in Vorder- und Kleinasien entwickelt wurden und sich von dort mit Ackerbau und Viehzucht sowohl Richtung Ägypten als auch Richtung europa verbreiteten?
Erstaunlich jedenfalls erscheint, dass sich die Sammlung „kretischer“ Astralmythen der antiken Griechen im Kern ausschließlich um das Thema Eklipsen drehte, um deren Begleiterscheinungen und Hintergründe. Die Betonung liegt dabei auf “kretisch”! Die Griechen verweisen in diesem Mythenkreis also mindestens auf bronzezeitliche Verhältnisse des 2. Jt. v. Chr. Doch nimmt sich der gesamte kretische Mythenkomplex der Griechen eher aus wie ein kulturhistorischer Abriss europäischer Erkenntnisgewinnung zur Thematik der Finsternisse, der einen weiten Bogen von der Kupfersteinzeit bis zu den Anfängen griechischer Astronomie schlägt. Beteiligte Götter, Heroen, einfache Sterbliche, jegliche Handlungen, Handlungsorte, Namen, Verwandtschaften, Tiere, Bauwerke, Gegenstände, Personenzahlen – beinahe jedes Wort ist Analogie, Sinnbild oder Metapher in diesem Sinne. Eingangs aber steht die Mythe um die Entführung der vom griechischenn Göttervater Zeus als Ahnherrin minoischer Herrschergeschlechter Auserkorenen. – Europa.
Das letzte antike Großwerk zur Mythologie der Griechen und Römer, die “Dionysiaka” des Nonnos von Panopolis (5. Jh.), widmet sich dem Wirken des überaus ambivalenten Gottes Dionysos. Was den Autor nicht daran hinderte, in dem zweibändigen Werk praktisch den gesamten antiken Mythenschatz zu tangieren. Einläuten aber lässt Nonnos seine mythologische Abhandlung mit dem Raub der phönizisch Schönen namens Europa durch Zeus in Stiergestalt. Ganz so, als gehöre ausgerechnet dieser Mythos an den Beginn europäischer Kulturgeschichte.
Seltsamerweise verknüpft er dann aber die Story um Europa mit dem Wüten des Drachens Typhon.1 Beide Mythen haben nichts miteinander zu tun. Der einzig erkennbare Grund scheint, dem Autor diente die zweite Mythe als historischer Zeitbezug für die erste. Wie schon Hesiod (8./7. Jh. v. Chr.) in seiner „Theogonie“2 oder Apollodoros von Halikarnassos (1. Jh.) in seiner “Bibliothek”, I. Buch, Kapt. 6, in Abs. 3 (I/6/3), identifizierte auch Nonnos den drachenartigen Typhon mit den typischen Erscheinungen einer Vulkaneruption. Er verwies allerdings, weit ausführlicher und daher stärker als bei Hesiod oder Apollodor erkennbar, auf ein gewaltiges Ereignis in unmittelbarer Meeresnähe. Dieser einseitig maritime Zusammenhang hat sich bis heute in der Bezeichnung “Taifun” für die großräumigen, ozeanisch gebundenen Tropenstürme erhalten, lässt aber nicht mehr den ursprünglich auch mit Typhon verknüpften vulkanischen Aspekt antiker Darstellungen erkennen.
Dieser vulkanische Aspekt resultier bereits aus der mythischen Zeugung des typhonischen Ungeheuers durch die Vereinigung von Gaia (Erde) mit dem abgründigen Tartaros (tiefster Teil der Unterwelt)3. Typhon versuchte die kosmische Macht der Götter an sich reißen. Er forderte die Götter heraus und gebarte sich dazu derart entsetzlich zwischen Meer und Firmament, dass ein Großteil derselben sich, dem Mythos nach, an den Nil nach Ägypten flüchtete, um sich dort vor dessen Wüten zu verbergen.
Die von Nonnos in Anbetracht seiner sonst überbordenden Sprachbilder erstaunlich knapp bemerkte Flucht der griechischen Götter, sinngemäß beschränkt auf den Vers: ‘den Zugvögeln gleich in Scharen an den Nil‘4, dürfte, wie Robert von Ranke-Graves in: „Griechische Mythologie – Quellen und Deutung“ zur Mythe um Typhon reflektierte, im Zusammenhang mit der teilweisen Zerstörung der Insel Thera durch den Vulkanausbruch des Santorin zu begreifen sein.5 6
Es ist einigermaßen offensichtlich, dass Nonnos mit dem typhonischen Ungeheuer den Ausbruch des Vulkans Santorin auf der Kreta nahe gelegenen Mittelmeerinsel Thera umschrieb. Modernen Erkenntnissen folgend ging das Ereignis mit einer gewaltigen Eruptionswolke einher, an die 40 km hoch. Anhand nachgewiesener Ablagerungen im Mittelmeer zog die Wolke ost- bis südostwärts.7 Die weit in die Stratosphäre hinaufreichende, die Sonne verdunkelnde Asche-, Glut- und Gesteinswolke, in der Blitze zuckten und aus der Gesteins- und Ascheregen niedergingen, dürfte in den Mythen zum Gleichnis dafür geworden sein, dass sich die Götter, dahinter verborgen, im wahrsten Sinne des geflügelten Wortes, Richtung Ägypten ‘aus dem Staub machten‘.
Erst seit relativ kurzer Zeit wissen wir, dass sich die vulkanische Tragödie auf Thera im späten 17. Jh. v. Chr. ereignete.8 Zu dieser Zeit der jüngeren Paläste stand die minoische Kultur auf Kreta, die als erste in Europa hochkulturelle Anzeichen erkennen ließ, kurz vor ihrer vollen Blüte. Ebenso erklomm etwa um diese Zeit die mykenische Kultur auf dem Festland ihren Zenit.
Man könnte meinen, Nonnos markierte mit dem Santorin-Inferno als Zeitmarke so gleichnishaft den europäischen Kulturstart, wofür er die Metapher von der Entführung der Europa durch Zeus nach Kreta zeitlich hier ansiedelte. Weder aber ist dem so, noch würde man mit dieser Auffassung der mythischen Bedeutung der Europa gerecht! Nonnos ging es in seiner „Dionysiaka“ ja nicht darum, Europas Entführung zeitlich einzuordnen. Ihm lag vielmehr daran, mit der Santorin-Explosion einen zeitlichen Anhalt für die Ankunft des Gottes Dionysos in Europa zu setzen, dem sein Werk gewidmet war. Die demnach etwa mit der Blütezeit der minoischen und mykenischen Kultur Mitte des 2. Jt. v. Chr. einherging, während archäologische Belege die ersten namentlichen Erwähnungen des Dionysos erst zwei, drei Jahrhunderte später datieren. Da es sich dabei aber im Wesentlichen um schriftliche Belege in der entzifferten mykenischen Linear-B-Schrift handelt, die erstmals namentlich auf einen bereits kultisch etablierten Dionysos verweisen, liegt eine deutlich frühere Einführung des Gottes in Kult und Kosmologie der Mykener, vielleicht sogar schon der Minoer nahe.9 Zum Gott Dionysos ließe sich ein eigenes Kapitel schreiben, was dessen altägyptischen Ursprung durch Ableitung vom Gott Osiris, seine kosmologische und äußerst ambivalente kultisch-mythologische, vornehmlich mystifizierte Bedeutung angeht, mit entsprechend zu analysierender, vielschichtiger antiker Symbolik und Allegorie. Darunter fällt ein zwingender chthonischer Bezug, der ihn auch mit dem Phänomen der Finsternisse verband. Was ihn beispielsweise dazu prädestinierte, während Apollons winterzeitlicher Abwesenheit als Schirmherr des bedeutsamen Orakels von Delphi zu gelten.
Europa nun ist, ihrer mythischen, phönizischen Heimat zum Trotz, Ureuropäerin! Sie ist die personifizierte, totale Mondfinsternis, die hier schon zur selben Zeit von kultischer Bedeutung war, als die östlichen, hochkulturellen Entwicklungen gerade erst begannen. Sie repräsentiert göttlich anthropomorphisiert den “Blutmond”! Ihr lunarer Finsternisbezug leuchtet sofort aufgrund ihrer elterlichen Abstammung ein. Nach dem antiken Autor Moschos (2. Jh. v. Chr.) gilt Telephassa als ihre mythische Mutter.10 Der Name bedeutet nach Karl Kerényi 11: „… »die weithin Leuchtende« …“, was Kerényi als Synonym für den vollen Mond interpretierte.12

Ähnlich verhält es sich mit einer früher erwähnten Mutter der Europa bei Pherekydes von Athen13. Demnach stamme sie von Argiope ab.14 Nach Kerényi bedeutet Argiope: „… »die mit weißem Gesicht« …“. Auch das münzte Mythenspezialist Kerényi auf den Mond.15
Väterlicherseits, so schon bei Homer (8./7. Jh. v. Chr.) in der „Illias“ zu lesen, stammte Europa von König Phoinix ab.16 Der galt, wiederum Kerényi folgend, als Stammvater der Phönizier, stand aber, namentlich übertragen, auch für das aus Meeresschnecken gewonnene „Phönizisch Rot“ oder Purpur. Was farblich wie geografisch übertragen Phoinix mit dem östlichen Morgenrot verband.17
Folgt man in der Frage der Vaterschaft Homer, resultiert für die Tochter Europa nach Phoinix (Rot)18 und nach ihrer Mutter Telephassa bzw. Argiope (Vollmond) mythisch genealogisch die Identifizierung als der im Osten, über Phöniziens Stränden total verfinstert, daher typisch rötlich kupfern aufgehende Vollmond.19
Die gleichsam über beide Wangen rosig erregt, im Osten „erblühende“, lunare Europa weckt mit ihrem Erscheinen bei Allvater Zeus animalische Triebe. Seine ebenso animalische Gestalt des Stieres, in welcher er sich der jugendlich Schönen am phönizischen Strande nähert, um sie westwärts über das Mittelmeer zu entführen, ist ebenfalls reine Metapher. Sie steht für seinen Asterismus, das Sternbild „Stier“ (lat.: „Taurus“), wie schon Nonnos mitzuteilen wusste.20 Seinerseits Metapher sowohl für den gesamten Ekliptikkreis, den der „Stier“ einst – in der Kupfersteinzeit (griech.: Chalkolithikum), dem Stierzeitalter – nahe dem Frühlingspunkt auf der Ekliptik anführte. Nonnos spricht in der “Dionysiaka“, lt. Übersetzung von Thassilo v. Scheffer, vom “Stier” als: “Wachend über des Frühlingsphaëtons fröhlich betautem Rücken …”. Gemeint ist der gemeinsame, der heliakische Aufgang von “Stier” und Sonne im Osten zu Frühlingsbeginn. Die morgendliche Frühlingsfrische, poetisch mit “Morgentau” umschrieben, benetzt sinnbildlich den oberen Sonnenrand (Phaëtons Rücken) beim poetisch gedachten Sonnenaufgang (Sonnenaufgang = “fröhlich”) aus betauten Wiesen und Weiden. Was eindeutig belegt, dass Nonnos um ein weit zurückliegendes, zodiakal bestimmtes “Stierzeitalter” wusste, in dem der Frühlingspunkt explizit noch im Sternbild “Taurus” lag. Denn Nonnos ordnet hier gesichert die Entführung der Europa wissentlich vor seinem eigenen, noch jungen “Zeitalter der Fische” und ebenso vor dem vorausgegangenen “Zeitalter des Widders” ein, praktisch in das europäische Endneolithikum bzw. in die Kupfersteinzeit.
Das steht historigrafisch freilich im deutlichen Widerspruch zu seiner weiter vorn erörterten, mythologischern Einordnung der Entführung der Europa in die Zeit des Santorininfernos. Welches, wie gesagt, etwa Mitte des 2. Jt. v. Chr. in das “Widder-Zeitalter” datierte. Ein Widerspruch, der eben daraus resultiert, dass der spätantike Autor hier zwei historische Aspekte miteinander vermischte, die mit dem Therainfero zusammenfallende Ankunft des Gottes Dionysos in Europa und der Verweis auf einen minoisch-mykenisch bestimmten Kulturstart in Europa. Letzteres schließt praktisch die Frühphase der palatialen Kulturentwicklung auf Kreta im späten 3. Jt. v. Chr. ein, die unter anderem auch durch die Übernahme weit älterer ägyptischer, kultisch-kosmologischer Vorstellungen geprägt war. (Nonnos erinnert sich hier prinzipiell der zu seiner Zeit bereits weit über tausend Jahre zurückliegenden, antiken griechischen Praxis, das Thema der Erkenntnisgewinnung zu den Finsternissen und ihrer Bedingungen über den kretischen Mythenkreis mit der minoischen Kultur zu verbinden!)
Der animalisch triebhafte “Stier” symbolisiert im Mythos einerseits kosmische Potenz im Sinne von “Zeugung” (Im Sinne von Vermehrung!) als Gleichnis für die permanente astronomische und kosmologische Wissenserweiterung der Menschen. Zugleich aber steht der astrale, nächtliche “Stier” auch für die verborgene, unterweltlich verweilende Hälfte der Ekliptik, für das Schattenreich, wohin das Sternbild für mehrere Monate im Jahr abtaucht. Das verbindet Zeus letztlich auch mit dem Phänomen der zumindest mythologisch weiter dorthin verorteten Quelle der Finsternisschatten.
Der mythische Ritt der Europa auf dem Stier über das Mittelmeer steht denn in der Tat allegorisch in erster Linie für den ekliptikalen Weg des nächtlichen Vollmondes von Ost nach West im Verlauf der Finsternis. – Von Hellas Gestaden aus betrachtet. Es ist zwar das Stierzeitalter nach Nonnos, Sonne und “Stier” gehen also zu Frühlingsbeginn gemeinsam auf und unter. Konkret mit dem Bild der Entführung der Europa sollte aber ein herbstlicher „Blutmond“ gemeint sein, der sich im Sternbild „Taurus“ (lat., „Stier“) ereignete. Vollmond und „Stier“ wandern dann im Laufe der Nacht, nach ihrem gemeinsamen Aufgang im Osten (Phönizien), entlang der Ekliptik Richtung Westen. Weshalb sich beide mit Ende der Finsternis, ein paar Stunden nach Vollmondaufgang – vom griech. Festland gesehen, etwa in Richtung Kreta –, diskret den Blicken aller für den Zeugungsakt entzogen (Am Himmel steht nun ja wieder sinngemäß eine der Mütter der Europa bzw. hat die nun selbst die Wandlung vom Mädchen zur Frau, zur werdenden Mutter vollzogen und übernimmt nun die Rolle einer früheuropäischen Vollmondgöttin.). Alternativ endet, was ja auch einleuchtet, ihre bereits himmlisch vollzogene Vereinigung in dieser südöstlichen Richtung.
Antike Künstler: Vasenmaler, Mosaikenmaler und Bildhauer scheinen häufig die astrale Metapher vom Stierritt der Europa korrekt verstanden zu haben. Meist wird sie bildlich dargestellt, literarisch unter anderem auch in Ovids “Metarmorphosen”, wie sie sich während des Rittes mit einer Hand an einem der beiden Stierhörner festhält.21 Was als Metapher für die zwischen den zwei Hörnersternen (Elnath und Zeta-Taurii, auch arab.: Alheka) des Sternbildes „Taurus“ hindurch verlaufende Linie der Ekliptik zu verstehen ist, die einseitig näher an Zeta-Taurii vorbeiführt. Ovid (1. Jh. v. – 1. Jh. n. Chr.) beschreibt in seinen „Metamorphosen“ (II/855, 856) das Gehörn des Zeusstieres zwar als „Klein …“, fährt aber poesievoll in astraler Metaphorik fort: „… Künstlich gedrechselt, durchleuchtend erscheinen sie mehr noch als klares Edelgestein; …“. Es zeugen aber auch jene Darstellungen vom Wissen um den Verlauf der Ekliptik, bei denen Europa die Hand mittig auf das Stierhaupt legt, über dem sich die Bahn hinzieht.
Das Haupt der reitenden Prinzessin befindet sich über dem Stierrücken etwa an jener Position, die in astraler Realität der Sternhaufen der Plejaden einnimmt. Was manch antiker Vasenmaler mit einem Kopfschleier der Europa versinnbildlicht haben dürfte.22. Bei geminderter Sehkraft erscheint der Sternhaufen eher als verschwommener Lichtfleck, übertragen „verschleiert“. Für mich nicht ausgeschlossen ist, der wehende Schleier Europas versinnbildlicht zugleich die anhaltende Verschiebung des Frühlingspunktes westwärts auf der Ekliptik, von den Plejaden weg Richtung “Widder” (lat.: “Aries”). Da der “Stier” am Himmel quasi rückwärts umläuft, weist der Schleier der rittlings sitzenden Europa sinngemäß nach Westen. Ebenso geht der “Widder” dem “Stier” auf der Ekliptik westlich voran. (Spätere römische Darstellungen mit im Wind gebauschter Tunika spielen dagegen eher auf das griechische Wort: “plein” für “segeln” an, wovon man vielleicht erst zu jener Zeit die Bezeichnung der Plejaden abzuleiten versuchte.23
Manche Keramik zeigt Europa im gestirnten Kleid oder Sterne zieren den Bildhintergrund. Was ebenfalls das Wissen des jeweiligen Künstlers um die kosmologische bzw. astronomische Relevanz des Mythos bezeugt. In einem Fall, so bei Kerényi zu lesen, hält Europa einen Reif. Der sich inzwischen wohl zwanglos als Symbol der Ekliptik einordnen lässt, dem Pfad ihrer Entführung.
Die rosig glühende Europa steht aber nicht nur allegorisch für sinnlichen Reiz und kupfernen Finstermond im Osten. Morgenröte und Jugend symbolisieren ebenso gesellschaftlichen oder auch geistigen Auf- und Umbruch bzw. einen Neubeginn. Assoziiert man so Mondfinsternis, Kupferfärbung und Aufbruch mit der namentlichen Bezeichnung unseres Kontinents “Europa”, suggeriert das namentlich auch eine mythologisierte Rückbesinnung bis auf die kupfersteinzeitlichen (griech.: chalkolithische) Ursprünge einer kultisch-kosmologischen Beschäftigung mit Finsternissen und ihrer Rhythmik.
Footnotes
- „Die Dionysiaka des Nonnos“, deutsch von Thassilo Scheffer, Bd. 1, I/45-II/712, S. 2-47 (Handlung 1. u. 2. Gesang), Verlag F. Bruckmann AG, München 1929.
- Vergl. Hesiod: „Theogonie“, Verse 813-873, deutsch: Johann Heinrich Voß, Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1911; online, Projekt Gutenberg: https://www.projekt-gutenberg.org/hesiod/ theogon /theogon2.html, zuletzt eingesehen 15.09.2024
- Hesiod: „Theogonie“, ebenda, Verse 814-815. Apollodor: “Bibliothek”, I/6/3
- Nonnos „Dionysiaka“, 1929, Bd. 1/I/142-144 u. 523.
- Robert von Ranke-Graves: “Griechische Mythologie. Quellen und Deutung“, dtsch. von Hugo Seinfeld, Rowohlts Enzyklopädie, 17. Auflage 2007, ppb RoRoRo, 36.2, S. 119/120.
- Apollodor: “Biliothek”, I/6/3.
- mdrWissen: „Archäologie-Sensation am Mittelmeer: Nach 3.500 Jahren erste Opfer der Thera-Katastrophe geborgen“, 04.01.2022, 17:38 Uhr, https://www.mdr.de/wissen/santorin-thera-eruption-vulkan-tsunami-opfer-cesme-102.html, zuletzt eingesehen: 15.09.2024.
- Der Ausbruch wurde mittels Radiokarbondatierung auf 1627 – 1600 v. Chr. datiert. Onlineinfo der Heidelberger Akademie der Wissenschaften unter: https://www. archaeologie-online.de/artikel/2006/ein-olivenbaum-und-die-chronologie-der-aegaeis/, dort mit Verweis auf die Internetseite des deutschen Geologen Tom Pfeiffer: www.decadevolcano.net, der bei seinen Untersuchungen am Santorin auf Thera in den Ascheablagerungen einen Olivenast zur Radiokarbondatierung fand; beide zuletzt eingesehen 20.09.2024.
- Die Entzifferung von Linear-B und der Verweis auf die namentliche Erwähnung des Dionysos gehen auf die Briten Michael Ventris und John Chadwick zurück, die sie 1956 in: “Documents in Mycenaean Greek” publizierten.
- Moschos: „Europa“ II/42-44 in: Johann Heinrich Voß: „Theokritos, Bion und Moschos“, S. 357, Cotta’s Buchhandlung, 1808, Tübingen, digitalisiert 10.04.2010, Oxford Bibliothek (https://books.google.de/books).
- 1897-1973, Religionswissenschaftler und Mythologe.
- Karl Kerényi: „Die Mythologie der Griechen”, X/7. “Kretische Geschichten“, S. 87 u., dtv, München, 01/2003.
- Pherekydes, Historiker, Mythograph, 6. Jh. v. Chr.
- Karl Müller, Theodor Müller: „Fragmenta historicorum Graecorum“, Band 1, Paris 1841, „Pherecydus – Fragmenta“, S. 70–99, IV/40 Scholien Apollon. III, 1185, S. 83, online Digitalisat (https://archive.org/ details/fragmentahistori01mueluoft/page/83/mode/1up?view=theater) zuletzt eingesehen 15.09.2024
- Kerényi, ebenda, „Die Mythologie der Griechen“, dtv, 2003, S. 87 u.
- Homer: „Illias“ XIV/321-322, Übersetzung: Roland Hampe, Philipp Reclam jun., Stuttgart, Reclams Univers.-Bibliothek Nr. 249, 2010.
- Sinngemäß nach Kerényi, ebenda: „Die Mythologie der Griechen“, dtv, 01/2003, S. 87 u.
- Spätere Quellen, bspw. Herodot: „Historien“, 4/147, Horaz: „Oden“, III/27 geben König Agenor als Vater der Europa an und Phoinix als deren Bruder. Was die bei Homer noch überzeugende Metapher von Phoinix als „phönizisch Rot“ samt Logik des genetisch bedingten Übergangs auf Europa fast vollständig zunichte macht. Höchstwahrscheinlich wollte man über König Agenor – Anfangsbuchstabe A = “Aleph” – gleichnishaft die Übernahme des phönizischen Alphabets durch die Griechen in den Mythos integrieren. Auch denkbar, dass man so auf eine phönizisch-semitische Wurzel des Wortes Europa anspielen wollte.
- Robert v. Ranke-Graves: „Phoinix ist die männliche Form von Phoinissa (die Rote oder Blutige) ein Beiname der Mondgöttin als Gebieterin über Leben und Tod.“ in: „Griechische Mythologie. Quellen und Deutung“, dtsch. von Hugo Seinfeld, 58.2, S. 175 u., RoRoRo ppb, 2007. Diese Darstellung wirft – ähnlich wie die ägyptische lunare Finsternismythe, nach der Seth dem Horus das Mondauge ausriss (Mondfinsternis) oder Bezeichnungen wie “Blutmond” – die spekulative Frage auf, ob Finsterniszeiten in prähistorischen Kulturen mit blutigen Opfern, eventuell sogar mit Menschopfern verbunden waren oder in den Stunden einer Mondfinsternis vielleicht blutige Urteile, unter anderem auch Schicksalsurteile auf Basis orakelhafter, kultisch motivierter Rechtsprechung vollstreckt wurden? Weil während einer Finsternis ebenso die kosmischen Gesetze lichter Ordnung ausgesetzt schienen.
- Nonnos: „Dionysiaka“, I/1/356-361, v. Scheffer.
- Rotfiguriger Glockenkrater: „Europa“, Athen, um 400-370, Sammlung Klassische Archäologie (Inv.-Nr.: FD88) Landesmuseum Baden-Württemberg/Digitaler Katalog.
- Siehe z. B. spiritwicki.org/Europa_on_the_bull.jpg; siehe auch online unter: “Namensgeberin eines Kontinents: Wer war Prinzessin Europa? – Nomen Nominandum” von Kathi Bawidamann, Abb. 2
- Nach Ian Ridpath: “Die großen Sternbilder”, Patmos ppb., 1992, S. 153 o.
