Kapitel V

5.4
Der Gesichtsmenhir von Langeneichstädt

Abb. 8: Der Menhir (Replik) von Langeneichstädt vor dem zugehörigen Megalithgrab beim Ortsteil Obereichstädt. (Foto Autor)

Der Menhir von Langeneichstädt wird wegen der entfernt gesichtsartig anmutenden Gravur im Kopfbereich der Steinsäule gern als „Dolmengöttin“ bezeichnet.(Siehe https://dolmengoettin.de/) Ursprünglich Bestandteil der Innenausstattung des in Abb. 8 hinter dem Menhir erkennbaren Steinkammergrabes, wurde der originale Menhir in das Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle/Saale gebracht und die oben zu sehende Replik neben dem Megalithgrab aufgestellt.

Nüchtern betrachtet, beinhaltet die Gravur auf dem Menhir von Langeneichstädt lediglich ein Oval, das einfach vertikal und dreifach waagerecht durch Linien in acht Segmente gegliedert wurde. Die beiden oberen Segmente beinhalten jeweils eine kleine Bohrung auf fast gleicher Höhe.

Allein die Konfiguration des Ovals mit zwei Bohrungen im oberen Teil stützt hier überhaupt eine entfernt anthropomorph erscheinende Gesichtsform. Typisch menschliche Gesichtsmerkmale wie Mund, Nase oder Ohren, mandelfömige Augen oder angedeutete Brauen über den vermeintlichen Augenpunkten fehlen. Vor allem fehlt jegliches geschlechtliches Merkmal. Tatsächlich ist die Figur eine Ansammlung geometrischer Elemente. Mehr oder weniger also eine geordnete Struktur. Die somit die Idee eines Ordnungsprinzips für die kosmischen Kreisläufe zum Ausdruck bringt, die man sich seinerzeit nur durch das lenkende Wirken eines intelligenten Geistes zu erklären vermochte. Was man sich damals darunter vorstellte, ist bislang völlig unerforscht. Es könnte die zur kosmischen Kraft geronnene Einheit des Geistes aller jemals vorverstorbenen Ahnen gewesen sein, die metaphysisch im Interesse der lebenden Nachkommen das Gleichgewicht unter den Kräften von Licht und Schatten wahrte. Diese Idee vom Gleichgewicht der Kräfte und ihrer Wahrung durch die Ahnengeister könnte in der annäherungsweisen Symmetrie der ansatzweise gesichtsartigen Gravur zum Ausdruck kommen.

Wir bewegen uns hier in spät- bis endneolithischer Zeit zwischen etwa 3500-2500 v. Chr. Erst gegen Ende dieser Phase begann eine deutliche Hierarchisierung der Gesellschaften, vermutlich aber auch deren Individualisierung durch zunehmende Arbeitsteilung und Spezialisierung im Handwerk im mittleren Europa. Das sollte einhergegangen sein mit einer entsprechend zunehmenden Personifizierung, Differenzierung und Hierarchisierung auch der metaphysischen Kräfte der Natur. Diese sukzessive Übertragung gemeinschaftlich sozialer Entwicklungen und Bindungen auf die metaphysische Ebene der Götter und Geister bedingte vermutlich eine analoge Gestaltung der kosmischen Erscheinungen oder der dahinter verborgen gedachten Mächte, die es vorher in der weitgehend egalitären Gemeinschaft so nicht gab. So zumindest ließe sich erklären, dass anfangs die Statuenmenhire eher nur ganz entfernt anthropomorph wirkende Züge trugen und häufig noch mit den alten megalithzeitlichen Symbolen für die numinosen Mächte der Natur und des Himmels dekoriert wurden. Erst in der sich anschließenden Frühbronzezeit nimmt dann die Anthropomorphisierung der Stelenbilder deutlich zu.

Entsprechend war auch die Kosmologie in Europa weit nüchterner angelegt als in den östlichen Hochkulturen, wo sie schon früh im 3. Jt. v. Chr. bereits tief durchdrungen war von den Bedingungen der gesellschaftlichen Hierarchierung und den ihnen unterworfenen kosmologischen, theogonischen und religiös-mythologischen Aspekten zur Stärkung und Sicherung des Königtums oder fürstlicher Machtansprüche. Diese Nüchternheit europäischer Weltsichten kommt im „Gesicht“ von Langeneichstädt klar zum Ausdruck. – So jedenfalls meine Meinung.

Ich denke die zu Abb. 9 beigefügte Deutung der Geometrie der Gravur spricht einigermaßen für sich. Es hat zumindest den Anschein, als sei man gegenüber den Menschen der Salzmünder Kultur inzwischen davon abgekommen, die beiden Sonnenwendachsen als räumliche Orientierungsachsen im kosmologisch-kalendarischen Kontext zu verwenden. Jetzt standen diesbezüglich wohl eher die Haupthimmelsachsen Ost-West und Nord-Süd im Fokus der Himmelsweisen und die Grenzen zodiakaler bzw. ekliptikaler Horizontverlagerungen. Wobei die damalige gedankliche Einbeziehung der etwas weiteren Horizontbewegungen des Mondes hier nicht begründet ausgeschlossen werden kann. Rein solar gedeutet aber hätten wir hier sinngemäß den nördlichen Wendekreis, den Himmelsäquator und den südlichen Wendekreis der Sonne über dem Horizontkreis verzeichnet.

Ganz ohne zusätzliche Erklärung kommt das Bild dann aber doch nicht aus. So ragt die zentrale Vertikallinie deutlich abwärts über die Begrenzung der ovalen Struktur hinaus. Für mich lässt sich das mit der Vorstellung erklären, dass man sich in neolithischer Zeit die Rotationsachse des Himmels tief in der Unterwelt fundamentiert vorstellte. Wobei man sich das hier bildlich zweidimensional wiedergegebene Prinzip vielleicht dreidimensional so vorstellen muss, dass diese Achse im nördlichen Himmelspol beginnt, die Erdebene auf Höhe des Himmelsäquators im Nord-Südmeridian durchsticht (örtlicher Nabelpunkt der Welt) und nach Süden hin tief in die unterweltlichen Gefilde verlängert gedacht werden muss. Für neolithische Weltvorstellungen erscheint das tiefreichende Fundament der Allsäule einigermaßen alternativlos. Die gigantische Kuppel des auf dieser Achse gelagerten, rotierenden Himmels könnte, beispielsweise bei einem Erdbeben oder extremen Stürmen, ohne entsprechend tiefes Fundament leicht ins Trudeln und schließlich aus allen Fugen geraten. – So vielleicht die damalige Erklärung. Wie unermesslich tief die Unterwelt in den damaligen Vorstellungen hinabreichte, gestattet wiederum die Vorstellung vom nächtlichen Zodiakallicht als Gehörn eines unterweltlichen Stieres mit entsprechender Körpergröße.

Die Tradition des Maibaumaufstellens in vielen, meist südlicheren Regionen Deutschlands könnte noch an solche uralten Weltbilder vom an die Allachse gebundenen Sonnenlauf erinnern. Man denke aber auch an kretisch-minoische Symbole von einem Stierkopf mit der Doppelaxt, die dem Stier am Schaft vertikal aus dem Hirnschädel ragt. Das doppelte Axtblatt entspricht dem Himmel mit dem ekliptikalen Sonnenlauf über beiden Horizonten, der Axtstiel entspricht der Allsäule und der Stierschädel symbolisiert die verborgene Kraft der kosmischen Rotation des Firmaments um die unterweltlich verankerte Allsäule.

Mangels dreidimensionalem Darstellungsvermögen des neolithischen Bildautors bedarf es zwar heute guten Willens, auf dem Menhir von Langeneichstädt den langen Vertikalstrich als unterweltlich fundamentiert zu erachten. Tatsächlich aber bestätigt doch die ursprünglich im Grab nebenan installierte Steinsäule selbst, als Sinnbild des unterweltlichen Allachsenfundamentes, ja genau diese Vorstellung. Das ovale Motiv ist im Grunde die bildschriftlich offenbarte Bestätigung dieser eigentlichen Bedeutung des säulenartig geformten Steins in der Grabarchitektur, der selbst als unterer Teil des Vertikalstriches im Bild erkennbar wird.

Andererseits suggeriert beides dann aber auch den Anspruch der hier Bestatteten auf eine mentale Verbindung mit dem kosmischen Zentrum. Was sinngemäß dem verbreiteten Prinzip vom „Nabel der Welt“ entspricht, den damals scheinbar viele Siedlungsgemeinschaften für sich beanspruchten. Vielleicht tun wir den Altvorderen mit dieser egozentrischen Unterstellung allerdings unrecht. Denkbar wäre auch, dass sie die in ihren Gräbern jeweils fundamentierte Allsäule nur als eine von vielen gleichnishaften Himmelsstützen ihrer eigenen Kultur begriffen, die erst alle zusammen durch das Wirken der Gesamtheit aller Ahnengeister in der Lage waren, das Himmelszelt dauerhaft zu tragen. Ähnlich, wie erst sämtliche im Kreis aufgestellte Zeltstangen die Stoff- oder Lederhülle des Zeltes zu einer stabilen nomadischen Behausung machen.

Das vermeintliche Augenpaar auf der Menhirstele von Langeneichstädt in den beiden obersten Segmenten des Ovals lässt sich recht sinnvoll als astrale Symbolik deuten. Ihre Position spräche für zwei zirkumpolare Sterne oder zwei Sternbilder wie „Große Bärin“ und „Kleine Bärin“, die in neolithischer Zeit beständig den Himmelspol umkreisten. Alternativ ist nur eines der beiden Sternbilder in zwei gegenständigen Positionen gemeint, um das Rotationsprinzip aller Sterne um die zentrale Allsäule zu dokumentieren. Diese Auslegung wiederum würde das Darstellungsprinzip der Allachse als Vertikalstrich genauso stützen wie die Deutung der drei Querstriche als die den Horizontkreis unterteilenden Sonnenbahnen zu den vier Fixpunkten des Jahres. Ich halte diese Interpretation für eine sowohl den kosmologischen und astronomischen Kenntnisständen als auch den seinerzeitigen Vorstellungsmöglichkeiten von der Welt gerecht werdende, sachliche Interpretation.

Ob allerdings die Deutung der achtfachen Gliederung des Ovals als Synonym für einen entsprechend achtfach geteilten Jahreskreis als zeitgemäß gelten kann, muss ich offenlassen. Die Gliederung des Ovals in acht Segmente ist zwangsläufig bedingt durch die Linienführung, könnte also ohne eigenen Sinn sein. Hierzu mangelt es einerseits an einer genauen zeitlichen Datierung des Grabes und an Vergleichsmöglichkeiten, wann in Europa die achtfache Gliederung des Jahres begann. In der minoischen Kultur erscheint das Motiv der achtblättrigen Rosette, das ich für ein entsprechendes Symbol halte, meines Wissens erst im späten 2. Jt. v. Chr. Denkbar wäre jedoch, dass eine ältere kalendarische Achtteilung des Jahres, über die zeitliche Mittelung der Sonnenstände zwischen den Kardinalpunkten, jetzt erst auf eine entsprechende Einteilung des ekliptikalen Kreislaufs übertragen wurde, auf Kreta dokumentiert mit dem Motiv der achtblättrigen Rosette, die für acht Segmente des Zodiakos oder gar des Ekliptikkreises stehen könnte.

Schwer im Magen liegt mir die für bebilderte Stelen wie den Menhir von Langeneichstädt teilweise auch von Archäologen verwendete Bezeichnung “Dolmengöttin“. Sie grassiert geradezu inflationär in der Literatur und schließt dabei völlig verschiedene, auch rein abstrakte Symbole wie einfache Vierecke ein. In eigentlich keinem der so bezeichneten jungsteinzeitlichen Fälle ist klar eine anthropomorphe, geschwiege denn eine weibliche Gestalt erkennbar. 1 Erst, wenn solche Menhire weibliche Geschlechtsmerkmale wie Brüste aufweisen, ließe sich an eine anthropomorphe Analogie denken. Ansonsten wirkt die Verwendung des Begriffs einfach wie gedankliche Nachlässigkeit, Ignoranz oder Bequemlichkeit der Autoren, die nicht einmal im Ansatz versuchen, was sie sehen mit eigenen Worten wiederzugeben oder wenigstens grob ikonologisch zu verifizieren. Ein blankes Viereck – wohlgemerkt keine Raute – hat nichts Feminines! Es könnte aber die damalige Vorstellung von der Form der Erde reflektieren, bedingt durch die vier Sonnenwendpunkte auf dem Horizontkreis. Selbst wenn die Erde weiblich gedacht worden sein könnte, müsste man erst einmal diesen Zusammenhang herstellen, ihn belegen und könnte dann vom Zeichen der großen Erdmutter oder einer Dolmengöttin sprechen. Vorher ist es ein Viereck, das rein spekulativ für die angenommene Gestalt der Erde stehen könnte und daher auch so in seiner möglichen Bedeutung eingeordnet werden sollte. Keinesfalls aber als feminines Symbol.

Was selbst für das Rautensymbol gelten muss, das oft in megalithischer Zeit als Jahressymbol verwendet wurde, etwa in New Grange in Irland. Zwar kann das Jahr, als Zeitform irdischer Prägung, wie die Erde selbst als weiblich erachtet werden und damit auch das Symbol der Raute. Solange aber diese feminine Bedeutung nicht bewiesen werden konnte, symbolisiert die Raute nüchtern eine abstrakte Kombination der vier Haupthimmelsrichtungen anhand der vier Ecken, gepaart mit den vier Horizontseiten des Sonnenlaufs im Nordosten und Südosten aufgangs- und im Nordwesten und Südwesten untergangsseitig. Die konzentrische Doppelraute könnte dann analog für den zyklischen Mondlauf mit seinen großen äußeren und kleinen inneren Wenden stehen, statt für äußere und innere Schamlippen des weiblichen Genitals.

Anders herum wird oft das phallusartige Erscheinungsbild megalithischer Stelen betont, was eine maskuline Einordnung des Himmels begründen würde. Beziehungsweise müsste das Phallusartige ja, da die Megalithgräber bzw. die dekorierten Menhire darin ins unterweltliche Refugium gehören, im jenseitigen Zusammenhang betrachtet werden. Auch das will mir nicht recht einleuchten, wenn Männer, Frauen und Kinder unterschiedslos in den Grabsätten beigesetzt wurden. Es mag zwar kosmologisch um den Erhalt der kosmischen Ordnung gehen, aber bei den Bestattungen stand doch sicher die Bedeutung der Ahnengeister im Vordergrund. Deren Rolle in den damaligen Weltbildern aber muss schließlich erst noch erforscht werden. Vielleicht versteht man dann besser, wie sich die bebilderten Stelen darin einpassen lassen. Ich halte es noch immer für naheliegend, dass die Geister der in megalithischen Grablegen bestatteten, in ihrer, den numinosen Kräften der Natur gleichen, transzendenten Daseinsweise mit jenen vereint im Rahmen kosmischer Zyklen für die Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung verantwortlich gemacht wurden, um die Existenz der irdischen Nachkommen bzw. der örtlichen Gemeinschaft zu sichern. Die den Bestatteten ihrerseits mit den aufwändigen Grablegen und rituellen Feiern zu gegebenen Anlässen die nötige Ehrerbietung erwiesen.

Footnotes

  1. Vergleiche hierzu auch die kritische Betrachtung von Reena Perschke: „Das Motiv der „Dolmengöttin“ – Zur Genese eines pseudo-neolithischen Göttinnenkultes“, online PDF unter https://www.academia.edu/125279375/ Back to footnote

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