Kapitel VI

6.2
Das Finsterniskompendium auf Wandstein Nr. 21

Abb. 7: Gavrinis, Orthostaten (senkrechte Wandsteine) 19, 20 und 21 (von rechts). Erst das von links durch den Eingang einfallende Taglicht lässt die kraftvolle Ornamentik aus konzentrischen Mustern deutlich hervortreten. Bei geschlossener Eingangstür, während des Vortrags der Führung vor Ort, werden die Wandsteine bis auf wenige Ausnahmen lediglich marginal mittels Lichtleiste entlang der Steinbasen erhellt. Das schwache Licht gestattet dem Besucher kaum bis gar nicht, sich der geballten Wuchtigkeit der dekorativen Innengestaltung bewusst zu werden. Daran ändert die punktuelle Beleuchtung des Dekors mit einer Taschenlampe durch die Guides wenig. Haben die spitznackigen Beilklingenmotive auf Wandstein Nr. 21, links im Bild, mit Finsternissen zu tun?

Man mag die im vorangestellten Abschnitt VI/1 angeführten kalendarischen Zahlenspiele anhand der Anzahl Orthostaten im Gang und in der Kammer noch als einfältig belächeln. Folgende Betrachtungen zu Wandstein Nr. 21 dürfte allerdings selbst Skeptikern solcher Zahlentheorien Stoff zum Grübeln darüber liefern, ob man all das einfach als reinen Zufall abtun kann! Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in den vorangestellten Kapiteln bereits offenbarten Theorien zum Thema: ‘neolithisches Finsterniswissen’.

Das Dekor der dreizeiligen Motivbotschaft auf Wandstein Nr. 21 wirkt zwar, wie gesagt, monoton (Kapt. VI/1 Abs. 14). Tatsächlich zeigt es aber, recht modern anmutend, einen Binärcode! Heute vermögen wir das gesamte Wissen der Menschheit in variierenden Sequenzen aus Nullen und Einsen maschinenlesbar auszudrücken. Was wir für modern halten, praktizierten jedoch Menschen nun schon vor fünf bis sechs Jahrtausenden auf ähnliche Art in Gavrinis. Natürlich nicht digital, sondern analog, ausgeführt bildhaft durch erhabene Zeichen auf Stein. Dennoch! Eingedenk ihrer zeitgemäßen Fähigkeiten schufen sie mit den drei Zeilen binärer Infothek nicht minder Beeindruckendes! – Ein Kompendium des Finsterniswissens ihrer Zeit. Dafür nutzten sie, wie wir heute, variable Gruppierungen der Zeichen als numerische Informationsträger.

Das Arrangement der Beilklingengravuren in den drei Zeilen ist auffällig! Es drängt dem forschenden Blick förmlich seine numerische Relevanz auf. Dazu zählt bereits die klare horizontale Segmentierung in drei Zeilen. Betrachten wir die obere Zeile, resultiert dort aus einem eigens dafür genutzten, natürlichen Verwurf im Stein eine deutliche Lücke, welche die Beilklingenmotive grob gruppiert in die Werte „3“ und „4“. Wegen der absichtlichen Zeilenschreibweise folgt zwingend auch deren Summe „7“. Zeile zwei gibt, mangels einer vergleichbar auffälligen Strukturierung, mit fünf Motiven nur den Wert: „5“ her. Gleiches gilt für die untere Zeile. Hier bleibt es beim Wert „6“. Insgesamt resultiert aus den erhaben belassenen Beilklingenmotiven der Wert “18”. Ein durchaus bekannter Wert, der uns in den vorangestellten Kapiteln schon mehrfach beschäftigt hat. Was natürlich die Frage aufwirft, tritt der Summenwert hier eher zufällig auf? War der Absicht? Trifft Letzteres zu, wofür steht der Wert hier?

Intuitiv möchte man meinen, in der mittleren Zeile hätten rechts (Abb. rechts, rote Markierung. Vergl. auch Foto oben.) zwei weitere Motive Platz finden können. Zwar ist in dem Bereich eine erhabene Fläche in ungefährer Form eines an den Ecken abgerundeten, rechtwinkligen Dreiecks zu erkennen, an das die rechts anschließende Fischgrätenmusterung heranreicht. Es ergibt sich jedoch nicht der Eindruck, diese erhaben stehen gebliebene Dreiecksfläche sei ein Motivelement. Eher handelt es sich um eine erhaben belassene Restfläche, die ursprünglich einmal überarbeitet werden sollte. Was letztlich aber unterblieb. Stattdessen führte man, so lässt sich zumindest wild spekulieren, die Fischgrätenmusterung bis an diese Restfläche heran, um nicht den Eindruck von Unvollständigkeit zu erzeugen. Auch verläuft das vertikale, grätenartige Muster entlang einer Rinne, welche die erhabene Fläche aller 18 Keilmotive rechts begrenzt. Man könnte also unterstellen, in dem rot markierten Bereich seien ursprünglich zwei weitere Keilmotive geplant gewesen. Mit einem weiteren Paar der keilförmigen Motive an dieser Stelle erschiene zumindest das Gesamtbild der Formation viel gefälliger. Dann hätte sich am rechten Rand zumindest eine harmonische Abstufung der Zeilenbreiten von oben nach unten ergeben.

Neben der Zeilenstruktur fällt eine weitgehende Paarung der Motive auf, besonders gut in der unteren Zeile erkennbar. Sie ist aber auch in beiden Zeilen darüber deutlich wahrnehmbar, trotz zweier Unterbrechungen. Zum einen in der Mitte der oberen Zeile, zum anderen an ihrem Ende bzw. links am Beginn von Zeile zwei. Wir haben es also prinzipiell mit neun mal zwei Beilklingenmotiven zu tun. Schließlich lässt sich links oben eine Dreiergruppe, links unten ein Paar von Motiven differenzieren, die gegenüber allen anderen um 180° gedreht stehen. Was den eigentlichen binären Code ausmacht! Trotz monographischer Zeichensprache lässt sich konstatieren, die sich aus den Zeichenvariationen, den Paarbildungen und dem “Basiszahlenwerk” der Motive (“3”, “4”, “5”, “6”, “7” und “18”) resultierenden Möglichkeiten der Informationsvermittlung sind relativ komplex.

Die Dreizeiligkeit der Motivanordnung sowie die Summe 18 der Beilklingenmotive ähnelt auf verblüffende Weise den in Kapt. III/2.1 gezeigten drei Zeilen mit zusammen 18 Spiralmotiven im oberen Register der von Heinrich Schliemann 1876 aus dem “Gräberrund A” geborgenen Sandsteinstele. Die achtzehn Spiralmotive dort ließen sich, in Verbindung mit der himmlischen Kampfwagenszene im Register darunter, sinnvoll mit dem achtzehnjährigen Saroszyklus erklären.

Nun datiert das mykenische Gräberrund etwa in das 16. Jh. v. Chr. Die Gravuren auf Wandstein Nr. 21 in Gavrinis dürften wenigstens doppelt so alt sein! Es scheint irrwitzig, hier eine adäquate inhaltliche Bedeutung annehmen zu wollen. Dennoch! Die beiden zuvor analysierten, dekorierten Steinäxte aus der Salzmünder Kultur haben gezeigt, schon im 4. Jt. v. Chr. in Europa existierte durchaus bemerkenswertes Finsterniswissen. Nicht ausschließen läßt sich daher die Möglichkeit, dass wir es auf Wandstein Nr. 21 mit einer zeitgemäßen, älteren Variation zum gleichen Thema zu tun haben. Geht es in Gavrinis vielleicht um Jahre mit drei Finsternisfenster? Oder verweist die prinzipiell paarige Anordnung der Axtmotive auf eine anderweitige, eine kalendarische Symbolik für einen Zyklus? Sind achtzehn Halbjahre bzw. neun Jahre gemeint? Eine weitere, spekulative Deutung wäre, die vornehmliche Paarung der Motive mit dem Prinzip von Finsternisfenstern zu verknüpfen! Auch die sind im Prinzip zweigeteilt. Jeweils von außen zur Mitte hin nimmt, einfach ausgedrückt, der Bedeckungsgrad der Finsternis systematisch zu bzw. umgekehrt ab. Die Finsternisfenster weisen also, egal von welcher Seite man es aus betrachtet, eine zu- und eine abnehmende Hälfte.

Eine definitive Antwort werde auch ich auf die Frage, was tatsächlich mit den achtzehn Beilklingenmotiven gemeint war, nicht liefern können. Mir ist jedoch etwas Interessantes aufgefallen. Die Anordnung und Gruppierung der achtzehn Motive korreliert auf frappierende Weise mit der maximal möglichen Anzahl an Finsternissen in jenen besonderen Jahren, in denen sich binnen 365 Tagen gleich drei Finsternisfenster öffnen, und zwar weltweit betrachtet!

Die Betonung liegt dabei ausdrücklich auf „mögliche Maximalzahl“! Es geht hier keinesfalls um seinerzeit real binnen Jahresfrist beobachtete und aufgezeichnete Finsternisereignisse vor Ort! Die drei Zeilen vermitteln, und das erneut recht modern anmutend, die über Generationen, vermutlich im weiträumigen Austausch im gesamten megalithisch geprägten Europa angesammelten, finsternistheoretischen Erkenntnisse der Neolithiker im vorzeitlichen Aremorika. Ein geistiger Austausch, der, zumindest theoretisch, in Anbetracht der verbreiteten Megalithidee im 4. Jt. v. Chr. zwischen Gibraltar und Skandinavien sowie Orkneys und Weichsel nicht sonderlich verblüffen sollte. Auch das Folgende gebe ich in diesem Zusammenhang zu bedenken: mit dem verbreiteten Megalithbau in Europa ging auch der Kult um die spitznackigen Beilklingen aus alpinem “Grüngestein” einher. Ist es da Zufall, dass ausgerechnet das Motiv dieser im gesamten Europa nördlich der Alpen und teils darüber hinaus begehrten Prestige-, Kult- oder Zeremonialobjekte als möglicher Informationsträger auf Wandstein 21 in Gavrinis gewählt wurde? Schon das könnte dafür sprechen, dass zumindest die Symbolik der Zeichen seinerzeit jedermann, der das Innere dieses Bauwerk zu Gesicht bekam, sofort geläufig war. Könnte das Axtmotiv also etwas zu tun gehabt haben mit Finsternissen? Denn vom Grundprinzip her weist jede der drei Motivzeilen eine zahlenmäßige Variation möglicher Eklipsen aus, wie sie sich nur in den besonderen Jahren mit jeweils drei Finsternisfenstern ergeben kann!

Eine Erkenntnis, die – wenn sich denn meine nachfolgenden Interpretationen dazu erhärten lassen – nur Generationen von neolithischen Himmelsweisen über anhaltende, systematische Beobachtungen und weiträumigen, regelmäßigen und anhaltenden Austausch zu den Finsternisereignissen erringen konnten. Wozu ferner, daran scheint mir kein Weg vorbeizuführen, Aufzeichnungen von Finsternisereignissen aller Art über ebenso lange Zeiträume hinweg erforderlich gewesen sein müssen, um sie letzten Endes in der hier nötigen Art und Weise systematisch auswerten zu können. Auswertungen, in denen man sich damals schlussfolgernd zumindest folgende vier Fragen gestellt haben müsste: 1. “Welche Abfolge von Finsternissen sind theoretisch in einem einzelnen Finsternisfenster möglich, nach dem, was sich praktisch beobachten ließ? (Beispielsweise sind im gleichen Finsternisfenster nie zwei Mondfinsternisse zu beobachten! Entsprechend können auch nicht zwei partielle Mondfinsternisse eine zentrale Sonnenfinsternis im gleichen Finsternisfenster flankieren. Umgekehrt können jedoch zwei Sonnenfinsternisse eine zentrale Mondfinsternis begleiten. Insgesamt sind pro Finsternisfenster dann maximal drei Finsternisse möglich. Ebenso werden binnen 365 Tagen nie mehr als drei Mondfinsternisse sichtbar!) 2. “Welche zeitlichen Abstände bestehen zwischen den Zeitfenstern der Eklipsen?” 3. “Wie lange dauert ein solches Zeitfenster üblichewrweise?” 4. “Wie viele Finsternisse sind demnach binnen dreier solcher Finsternisfenster innerhalb von 365 Tagen theoretisch möglich?” Dabei dürfte es damals beim Mond ausschließlich um erkennbare Kernschattenfinsternisse gegangen sein. Halbschatten- und erst recht partielle Halbschattenfinsternisse des Mondes sollten seinerzeit kaum eine bzw. gar keine Rolle gespielt haben.

Maximal sind unter diesen Voraussetzungen weltweit binnen 365 Tagen sieben Eklipsen möglich. Naheliegend scheint, dass uns das die obere Zeile vermitteln soll mit insgesamt sieben Beilklingenmotiven. Davon entfallen in dieser ersten Version drei auf die relativ seltene, damals kultisch vielleicht höchst brisante, allerdings auch recht seltene Konstellation von je einer totalen Mondfinsternis pro Fenster. Das heißt, drei “Blutmonde” ereignen sich binnen desselben Jahreszeitraums. Wobei die zwar total, aber nicht allesamt auch zentral ausfallen. Diese drei totalen Mondfinsternisse sollten die drei linken Beilklingenmotive mit den abwärts weisenden Schneiden symbolisieren. Tatsächlich lassen sich zuweilen alle drei totalen Mondfinsternisse über einem größeren Gebiet wie Europa beobachten, wenn auch nicht immer über die gesamte Totalitätsphase hinweg. Grund ist, dass der Mond für manche Beobachter auf der Nachthälfte der Erde schon verfinstert auf-, für andere noch verfinstert untergehen könnte. Was beispielsweise für die drei in naher Zukunft aufeinanderfolgenden, totalen Mondfinsternisse gilt, von denen sich die erste nur wenige Stunden vor dem Jahreswechsel 2028/2029 ereignet, die nächste im Juni 2029 und die dritte Dezember 2029. Wir schrammen daher nach heutigem Kalender 2029 ganz knapp an einer Siebenerkonstellation der Finsternisse vorbei, da in 2029 auch vier partielle Sonnenfinsternisse erwartet werden.1 Die vier Keilmotive rechts in der oberen Zeile stehen folglich für die bis zu vier im selben Jahr zusammen mit den drei totalen Mondfinsternissen maximal möglichen Sonnenfinsternsse.2

Wie gesagt, sind mehr als sieben Finsternisereignisse binnen 365 Tagen weltweit nicht drin. Die zeitlichen Abstände in und jene zwischen den Finsternisfenstern bedingen, dass bereits ein achtes Finsternisereignis stets in das vorausgehende oder das nachfolgende Jahr fallen muss. Weil sich zwar drei Finsternisfenster in einem Jahr öffnen, aber nie komplett in diesen Zeitraum passen. Genau das könnten schon die europäischen Neolithiker erkannt und auf das entsprechende Zahlenwerk für Finsternisereignisse aus den ihnen möglichen Finsternisbeobachtungen geschlossem haben. Das gilt auch für die Betrachtung der folgenden mittleren Zeile der Beilklingenformation auf Wandstein 21.

Im Gegensatz zur oberen Zeile, die inhaltlich für sich steht, müssen die Zeichen der mittleren und unteren Zeile vermutlich sowohl für sich, als auch im Zusammenhang “gelesen” werden! Was ich folgendermaßen, unter Vorbehalt der wissenschaftlichen Akzeptanz, erklären wollen würde. Die fünf gleich orientierten Keilmotive der mittleren Zeile könnten für eines der ausgenommen seltenen Jahre stehen, in denen gleich fünf Sonnenfinsternisse eintreten. Die mir zugänglichen und für mich verständlichen Auflistungen aller Eklipsen zwischen 19. und 22. Jh. (Siehe Ende der Seite.) weisen nur zwei Jahre mit fünf Sonnenfinsternissen (1804 und 1935) aus, für die jeweils auch zwei totale Mondfinsternisse verzeichnet sind. Da also allein fünf solare Eklipsen im gleichen Jahr ausgeschlossen sind, weil immer wenigstens eine, maximal zwei Kernschattenfinsternisse des Mondes hinzukommen, ist die mittlere Zeile in Verbindung mit den beiden linken Motiven der unteren Zeile zu “lesen”. Die kopfgestellten Motive symbolisieren dann jene zwei Kernschattenfinsternisse des Mondes, womit sich erneut die Gesamtzahl von sieben Eklipsen binnen 365 Tagen ergäbe.

Die untere Zeile ist aber auch in sich abgeschlossen sinnvoll zu “lesen”. Sie verweist auf die kaum weniger spektakuläre Variante von zwei Mond- und vier Sonnenfinsternissen, zusammen immerhin noch sechs Eklipsen in einem Jahr.3

Tatsächlich also könnte uns die dreizeilige Botschaft nicht nur lapidar auf das Phänomen gelegentlicher Jahre mit gleich drei Finsternisfenstern hinweisen. Sie vermittelt uns darüber hinaus das neolithische Wissen über die Maximalwerte möglicher Finsternisse in diesen besonderen Jahren. Die besonders ereignisreichen Jahre wiederholen sich prinzipiell im Abstand der sechs oder sieben verschiedenen Saroszyklen zueinander, denen jede einzelne der sechs bis sieben Eklipsen desselben Jahres angehört. Logischerweise wiederholen sich demzufolge auch solche besonders ereignisreichen Jahre häufig im rund achtzehnjährigen Rhythmus. Da jedoch bis zu vierzig Saroszyklen ständig parallel zueinander verlaufen, kommt es zu Überschneidungen. Der Maximalabstand zwischen Jahren mit drei Finsternisfenstern wäre demnach der Zeitraum der rund achtzehn Jahre des Saroszyklus. Wegen der Überschneidungen mit anderen Serien dieser Art, kann sich der Zeitraum jedoch drastisch verringern. Betrachtet man ausschließlich Jahre mit sechs bis sieben Eklipsen, sind gelegentlich über längere Zeiträume hinweg Wechsel von achtzehn und elf Jahren zu beobachten. (Siehe hierzu Tabellen 1 und 2 mit den Erläuterungen am Ende des Abschnitts.) Sollte die Gesamtzahl der achtzehn Beilklingenmotive das Wissen der Urbretonen vermitteln, dass auf ein Jahr mit drei Finsternisfensterns spätestens nach achtzehn Jahren ein ähnliches Spektakel folgen muss?

Damit möchte ich erneut die bereits weiter vorn eröffneten Spekulationen aufgreifen, wonach in der mittleren Zeile zwei weitere Beilklingenmotive geplant gewesen sein könnten, die aber unrealisiert blieben. Sinnvoll hätten hier zwei auf den Kopf gestellte, mit dem Spitznacken nach oben weisende Motive ergänzt werden können. Dann hätte die mittlere Zeile besagtes Verhältnis von fünf Sonnen- und zwei Mondfinsternissen perfekt präsentiert. Den nötigen Platz markiert wiederum das rote Viereck in der Abbildung. Das allerdings hätte die bestehende Gesamtzahl der Motive gesprengt. Kam es dem Graveur also vorrangig auf die Maximalzahl achtzehhn an?

Die seitlich umgebende Motivik bietet diesbezüglich nicht viel Aufschluss. Interessanter scheint mir hingegen die Bogenformation direkt unter der “dreizeilgen Botschaft”. Auf Fotos lassen sich vage zwischen 17 und 19 konzentrische Bogenlinien ausmachen. Wobei der oberste Bogen oder die zwei obersten Bögen schon nicht mehr durchgängig sind, weil auf dem letzten durchgängighen Bogen bereits die Beilklingenmotive der unteren Reihe direkt aufsetzen.4 Steht die Bogenformation synonym vielleicht für einen speziellen “Zyklus”?

6.2.1 Anhang: Tabellen zu Jahren mit mindestens sechs, maximal sieben Eklipsen

Die beiden oben stehenden Tabellen zeigen alle Jahre zwischen 1801 und 2112 mit sechs bzw. sieben Eklipsen pro Jahr. Bei den Sonnenfinsternissen entfallen allerdings fast alle auf partielle Finsternisse. Das heißt, diese waren nur in polaren oder subpolaren Regionen der Erde einsehbar. Wenn also die dreizeilige Botschaft auf Wandstein 21 tatsächlich Finsternisse betraf, kann es sich dabei nur um theoretisch gewonnene Rückschlüsse der Neolithiker handeln, welche man aus der real beobachtbaren Rhythmik der Finsternisse, aus dem Wissen um bis zu maximal drei mögliche Eklipsen pro Finsternisfenster, dem Wissen um die Länge und um den zeitlichen Abstand zwischen den Finsternisfenstern gezogen hatte. Eingedenk der bereits damals erkannten Regel, dass zwei partielle Mondfinsternisse beiderseits einer zentralen SoFi im gleichen Finsternisfenster ausgeschlossen waren. Oder aber die gesamte Theorie zu den achtzehn, spitznackigen Beilklingen ähnlichen Motiven im Kontext der Finsternisse ist eine komplette Fehldeutung meinerseits.

Anhand der Nummerierung der Sarosserien zu denen jede einzelne Finsternis gehört, lässt sich erkennen, wie die sich eine Zeit lang wiederholen, um schließlich abzureißen. Wobei natürlich weder bei den solaren noch bei den lunaren Eklipsen tatsächlich alle Sarosserien abreißen. Vielmehr verschiebt sich insbesondere bei den SoFi wegen der Länge des Saroszyklus von 18 Jahren und rund 11 Tagen ständig die letzte Finsternis in das nächstfolgende Jahr. Gelegentlich endet aber auch der jeweils älteste Saroszyklus (Der mit der niedrigsten Nummer.). Aus beiden Gründen verringert sich dann die Anzahl der Eklipsen von sechs oder sieben auf lediglich noch fünf oder weniger, weshalb die entsprechende Serie in den Tabellen nicht weiter verfolgt wurde. Hier geht es, gemäß Wandstein 21 in Gavrinis, ja nur um Jahre mit sechs oder sieben Eklipsen. Natürlich ist auch das Gegenteil der Fall. Ein neuer Saroszyklus beginnt oder eine SoFi verlagert sich vom Vorjahr in eine Serie mit bisher nur fünf Eklipsen, sodass achtzehn Jahre später in der Serie sechs oder gar sieben Eklipsen möglich sind.

Ganz offensichtlich ist für die besonderen Jahre mit sechs oder sieben Eklipsen die jeweilige Anzahl an SoFi signifikant. Während beim Mond bis auf wenige Ausnahmen fast durchweg auch in diesen Jahren lediglich zwei, meistens zentrale Finsternisse zu verzeichnen sind, bietet die Sonne vier oder gar fünf Ereignisse. Was nichts anderes heißen kann, falls ich nicht mit allem falsch liege, als dass die geistigen Schöpfer der Botschaft auf Wandstein 21 sich bereits auf eine jahrhundertelange Verfolgung auch von partiellen Sonnenfinsternissen stützen konnten, die man nunmehr hier auszuwerten vermochte. Es scheint geradezu ausgeschlossen, dass dies damals ohne schriftliche Registraturen (Vermutlich über tabellenartige Reihen von Symbolzeichen, nicht im eigentlichen schriftlichen Sinne.) über entsprechende Zeiträume hinweg hätte gelingen können. Ich frage mich ernsthaft, ob der berühmte Wandstein mit den Krummstäben im “Table des Marchands” eine solche Registratur darstellen könnte? Oder ob er einen speziellen Finsterniszyklus abbildet? Bei dem die zunehmende Phase im Zyklus, also die der allmählichen Annäherungen der Finsternisse von partiell über total bis zum zentralen Verlauf über Jahrzehnte oder Generationen hinweg auf der einen Hälfte und die abnehmende Phase dieser Entwicklung bis zum Abriss des Zyklus auf der Seite gegenüber symbolisiert worden sein könnte? Ein grundsätzlich allen Finsterniszyklen gemeines Entwicklungsprinzip. Insofern will ich nicht in Abrede stellen, dass hier auch nur dieses allgemein gültige Prinzip symbolisiert worden sein kann.

Footnotes

  1. Quelle: Wikipedia: “Liste der Mondfinsternisse des 21. Jahrhunderts” sowie “Liste der Sonnenfinsternisse des 21. Jahrhunderts”; dort sekundär nach Daten der NASA unter: eclipse.gsfc.nasa.gov. Back to footnote
  2. Einen solchen Fall mit drei totalen Mondfinsternissen, davon zwei zentrale, gab es beispielsweise 1917. Im gleichen Jahr ereigneten sich vier Sonnenfinsternisse, drei partiell, die vierte ringförmig. Das nächste Ereignis dieser Art ließ sich erst wieder 1982 beobachten, mit drei totalen lunaren Finsternissen, davon die mittlere zentral, sowie mit vier partiellen Sonnenfinsternissen. Nach Wikipedia: “Liste der Mondfinsternisse des 20. Jahrhunderts”, “Liste der Sonnenfinsternisse des 20. Jahrhunderts”, dort sekundär nach Fred Espenack, NASA: eclipse.gsfc.nasa.gov. Back to footnote
  3. Beispiele für zwei MoFi und vier SoFi im gleichen Jahr wären: 1946, 1964 und 2029 mit jeweils einer zentralen und einer totalen Mofi sowie jeweils vier partiellen SoFi. Daten nach Wikipedia, ebenda: “Liste der Mondfinsternisse des 20 Jh.” bzw. “Liste der Sonnenfinsternisse des 20. Jh.”, “Liste der Mondfinsternisse des 21. Jahrhunderts”, “Liste der Sonnenfinsternisse des 21. Jahrhunderts”; dort sekundär nach Fred Espenack, NASA: eclipse.gsfc.nasa.gov. Back to footnote
  4. Das Motiv der konzentrischen Bögen ist auf einem ausgezeichneten Foto von Wandstein Nr. 21 zu sehen bei Autor Wolfgang Korn in: “Megalithkulturen – Rätselhafte Monumente der Steinzeit”, Seite 89, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2005. Nur die kleinsten Schlingen im exzentrisch tiefer gelegenen Zentrum der konzentrischen Bögen sind darauf für mich nicht ganz eindeutig verifizierbar. Auch hier sind also Experten gefragt, das Bogenmotiv wegen seines möglichen numerischen Aspektes einmal näher zu inspizieren, um einen eventuellen direkten Bezug zur Keilmotivformation darüber abzuschätzen. Back to footnote

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