In den ansonsten kaum verzierten megalithischen Grabstätten der Menschen der Wartbergkultur, den westlichen Nachbarn der Salzmünder Leute, sind häufiger Piktogramme von stark stilisierten Rindern zu finden. Die Wartberggruppe existierte etwa um 3500-2800 v. Chr. westlich des Harzes, im heutigen ostwestfälischen und nordhessischen Raum zwischen Kassel und Mainz mit östlichen Ausläufern ins westliche Thüringen.1
Aus dieser Kulturgruppe ist vor allem das Galeriegrab von Züschen bei Fritzlar ein Begriff, in dem nicht nur besagte Piktogramme einzelner Rinder, sondern auch Rindergespanne mit zweirädrigen Karren erkennbar sind (S. unten Abb. 1A u. 1B). Aufgrund von gelegentlichen Überlagerungen der Piktogramme haben Archäologen resümiert, dass diese nicht sämtlich das Grabinnere von Beginn an geziert haben können, sondern nach und nach eingebracht worden sein müssen.2 Eine wie ich finde, interessante Beobachtung. Wenn das Rind in der europäischen Jungsteinzeit tatsächlich als Symbol kosmischer Kreisläufe galt, wie von mir in den vorangestellten und nachfolgenden Kapiteln mehrfach behauptet, gestattet sie die Annahme, die Gravierungen erfolgten nach und nach im Abstand kosmischer Zyklen.


Das in Abb. 3 grafisch von mir nachempfundene Piktogramm, nach einem Foto bei Ernst Probst: „Deutschland in der Steinzeit“, Bertelsmann, München 1991, S. 378, stammt nicht aus der Anlage von Züschen, sondern aus einem Galeriegrab weiter nördl. in Warburg, Kreis Höxter, Nordrhein-Westfalen, bezeichnet mit „Warburg I“. Das Original der Steinplatte findet sich heute im westfälischen Museum für Archäologie in Münster.

Das Piktogramm entdeckte man 1986 bei Ausgrabungen auf der schmalen Kopfseite einer der Wandplatten des etwa 26 Meter langen, schon weitgehend zerstörten Grabes. Vermutlich war das Zeichenensemble nach Fertigstellung der Kammer unter den aufliegenden Deckenplatten nicht sichtbar.3 Was einigermaßen verblüfft, dürften die Zeichen doch damals außerordentlich bedeutsam gewesen sein. Entweder also wusste man beim Einbau der Platte nicht mehr um diese Bedeutung. Oder, ganz im Gegenteil, sollte ihre angenommene magische Wirkung allein den Geistern der hier Bestatteten vorbehalten bleiben. Wenn man die Zeichen nicht sehen konnte, ließen sie sich auch nicht entfernen, „überschreiben“, verändern, zufällig beschädigen oder anderweitig in ihrer magischen Bedeutung beeinträchtigen. All das konnte vielleicht schon damals während der mehrere Jahrhunderte andauernden Nutzung solcher Grabstätten nicht ausgeschlossen werden. Die Zeichen behielten, so vielleicht die Hoffnung der Grabarchitekten, an ihrer verborgenen Position Gültigkeit bis in alle Ewigkeit. Vergleicht man das mit den dekorierten Steinäxten der Salzmünder Kultur, gewinnt man als Laie den Eindruck, dort muss es bereits eine stärkere gesellschaftliche Differenzierung gegeben haben, als hier bei den Wartbergern. Jedenfalls kann die „Magie“ der Zeichen auf den dekorierten Äxten nur dem mit der Axt Bestatteten genützt haben. Beziehungsweise konnte nur der in der jenseitigen Welt deren Wirkung entfalten, die dann über die kosmischen Kreisläufe wiederum auch den Nachkommen in der Welt der Lebenden zugutekamen. So oder so aber war die Entfaltung der „Magie“ der Bilder bei den Salzmündern individuell gebunden. Bei den Menschen der Wartbergkultur hingegen scheint die Magie der Zeichen in den Gemeinschaftsgräbern allen hier Bestatteten funktional gleichermaßen zugedacht gewesen.
Die extrem starke, heugabelartige Stilisierung der Rinder in vorstehender grafischer Wiedergabe ist nicht etwa der Bequemlichkeit der Graveure, reinem Abstraktionswillen oder mangelnder Kreativität geschuldet. Sie hatte inhaltliche Relevanz. Die abstrakten, gabelförmigen Rinderfiguren sind gleichsam nur noch: „Schatten ihrer Selbst“. Im übertragenen Sinne also verweisen sie auf das „Schattenreich“. Was sinngemäß das jenseitige, unterweltliche Refugium betrifft. Das liegt zwar für einen Bestattungsort irgendwie nahe, hat aber ikonologisch weiterreichende Konsequenzen. Hier kann es nicht um fette Rinder gegangen sein, die man den Dahingeschiedenen zum Abschied symbolisch für die Weiterexistenz in den Gefilden der Ahnen auf ebenso fetten Weiden wünschte. Hier geht es um eine Allegorie, um ein Gleichnis. Gemeint ist in seiner Bedeutung exakt das zuvor Gesagte: ‘Sie sind gleichsam nur noch „Schatten ihrer Selbst“‘. Es sind „Schatten“. Es geht um Schatten. Es geht um Finsternisse, deren Ursprung man seinerzeit wahrscheinlich im unterweltlichen Refugium vermutete. Also in jener Region, von der nachts zuweilen das im Zodiakallicht erkennbare Lichtgehörn eines gigantischen Stierwesens am Himmel sichtbar wurde. In dessen Lichtbogen aber vollzogen sich bei Vollmond auch regelmäßig die Mondfinsternisse. Die jenseitige Welt der Schatten hatte also für damalige Begriffe zweifellos ebenso etwas mit Rindern zu tun, wie die Kreisläufe des Lichts.
Das Piktogramm weist nun eine kleinere Viererformation dieser total abstrahierten Rinder seitlich von einem Paar deutlich größerer, nicht minder stark stilisierter Rinder mit Jochstrich aus. Dem Paar im Joch zur Seite steht ein Kalbskopf, ergo ein Bukranion. Letzterer ist weniger stilisiert, als die adult wirkenden Rinderfiguren. Beide Rinderformationen streben auf ein kammartiges Objekt im Zentrum des Bildes mit neun Zinken zu. Links und rechts werden die Gespanne von kurzen Wellen- oder Zickzackornamenten flankiert.
Entscheidend für die gesamte Bildanalyse sind die vier kleineren Boviden links. Sie sind jeweils paarig angeordnet, ohne dass bei diesen ein Jochstrich erkennbar wäre wie bei dem großen Rinderpaar. Auffällig ist, das vordere Paar Rinder weist längere, das hintere Paar kürzere Leibstriche auf. Überdenkt man die Viererformation unter der Annahme, dass die Neolithiker Rinder mit den kosmischen Lichterkreisläufen in Verbindung brachten, entspricht ihre Viereranordnung einer Jahressymbolik. Das vordere Paar mit längeren Leibern steht für Sommerhalbjahr mit langen Tagen, das hintere Paar mit kurzen Leibstrichen analog für das Winterhalbjahr mit kurzen Tagen. Ihre Viererformation entspricht den vier Jahreszeiten bzw. rechnerisch vier gleich langen Jahresquartalen.
Wenn dieses Doppelgespann der ‘Jahresrinder‘ zielstrebig dem zentralen, neunzinkigen Kammmotiv entgegenstrebt, liegt dessen numerische Einordnung als Symbol für einen neunjährigen Zeitraum wohl mehr als nahe! Nun haben wir es aber mit Rindermotiven zu tun, die gleichsam für „Schatten“ stehen. Man wird also den neunjährigen Zeitraum nicht mit dem Lauf der Sonne oder des Mondes verbinden, sondern mit dem der Schatten, ergo der Finsternisse. Mit den vier „Schattenrindern“ könnte also jener Zeitraum gemeint sein, in welchem sich die Finsternisse sinngemäß durch den Jahreskreis verlagern.
Doch auch das große Rinderpaar im Joch mit vitalem Kalbskopf an der Seite ist auf das neunzinkige Kammmotiv ausgerichtet. Wie passt das zusammen? Die Größe dieses Rinderpaares gestattet die Annahme, dass man ihnen einen größeren Zeitkreis zuordnen muss, als den der vier kleinen Rindern. Weil sie aber obendrein im Joch stehen, sinngemäß „gebunden umlaufen“, liegt ihre Zuordnung zu einem zweigeteilten Zeitkreis auf der Hand. Die Bildlogik gestattet eigentlich nur, hier jedem der beiden großen Rinder den Zeitraum von neun Jahren zuzuordnen. Was letztlich nichts anderes bedeuten kann, als dass sie für einen achtzehnjährigen Zeitkreis stehen, der aus zwei Halbzyklen besteht. Was anderes käme dafür infrage, als der Saroszyklus?
Das Kalbsbukranion daneben weist einen hauchfein eingepickten Kreisbogen zwischen den Enden der Hörner aus. Die kaum wahrnehmbare Kreislinie könnte das schwache Zodiakallicht meinen, aber ebenso gut einen sich gerade erst entwickelnden, neuen Zeitkreis. Ferner hat es den Anschein, als sei der Jochstrich des Altpaares in Richtung Kalbsbukranion verlängert. Das würde bedeuten, dass der Kalbskopf in den großen Zyklus zu integrieren ist. Seine relativ vitale Gestalt spräche für „neu“, „jung“, im Sinne eines anbrechenden Zyklus. Während das große adulte Paar wohl den abgelaufenen Zyklus meint. Wie auch immer. Klar ist auf jeden Fall, obwohl die flächige Gravur des Kalbskopfes gegenüber den übrigen „Strichfiguren“ eine gewisse Vitalität symbolisiert, ist der körperlose Kopf doch zweifellos ein Synonym für den Tod, für die Schattenwelt, für das Jenseitige.
Da nur ein Kalbskopf existiert, der abgelaufene Zyklus aber mit einem Rinderpaar symbolisiert wurde, lässt sich annehmen, dass nach damals gängigen, kultisch-kosmologischen Vorstellungen alle neun Jahre ein Jungrind in das kosmische Kreisen aufgenommen wurde. Analog schied dafür jenes der beiden Altrinder, welches bereits achtzehn Jahre im Zyklus weilt, aus. Wenn man so will, haben wir es mit einem kosmischen „Tierkreis“ zu tun! Symbolisiert durch ein Altrind von achtzehn Jahren, ein Rind im besten Alter von neun Jahren und das Jungrind, welches alle neun Jahre ein Altrind ersetzte. Darin lässt sich ein ähnliches Prinzip erkennen, wie ich es bereits in Kapt. III/2 zu den drei Spiralreihen im oberen Bildregister auf der mykenischen Sandsteinstele erarbeitet hatte. Jede der drei Zeilen stand dort für eines jener Jahre, in denen sich gleich drei, statt üblicher zwei Finsternisfenster öffnen, die neunjährig in Folge auftreten können.
Spekulativ lässt sich vermuten, dass mit diesen kosmologischen Vorstellungen von der neunjährigen Rhythmik im Finsterniszyklus bedeutsame rituelle Feierlichkeiten zelebriert wurden, bei denen Rinder und Rinderopfer eine große Rolle gespielt haben könnten. Möglicherweise werden so die häufig beobachteten Rinderknochen im Zusammenhang mit megalithischen Grabanlagen, vollständige oder teilweise Rinderbestattungen oder gar ganze megalithzeitliche Kultbauwerke wie die bretonischen Steinalleen oder die gewaltigen britischen Cursus-Monumente in ihrer einstigen Bedeutung verständlicher.
Abschließend noch der ergänzende Hinweis zu den beiden Wellen- oder Zickzackmotiven auf dem Warburger Grabstein. Diese Motive symbolisieren sinngemäß „Zeitlauf/Zeitfluss“ im Allgemeinen. Die rechte Zickzacklinie, unmittelbar neben dem Kammmotiv, ist allerdings andeutungsweise gedoppelt. Man könnte dies als Bestätigung zur eben vorgelegten Theorie werten, dass es hier nicht am einen neunjährigen, sondern um den doppelten Zeitraum von achtzehn Jahren geht. Denkbar ist aber auch, dass mit der nur angedeuteten Dopplung “Wiederholung“ gemeint war. Womit lediglich klargestellt wurde, dass wir es nicht mit einem einmaligen Zeitkreis, sondern mit einem immer wiederkehrenden Zyklus zu tun haben.
Skeptiker könnten eventuell monieren wollen, dass hier auch ein Zeitraum von 18,61 Jahren infrage käme, in welchem die beiden Mondbahnknoten einmal auf der Ekliptik umlaufen. Dann stünde eventuell das Kalbsbukranion wie auch die zusätzlich angedeutete Dopplung der Welle für jenen über 18 Jahre hinausgehenden Restzeitraum von 0,61 Jahren. Dem ließe sich entgegenhalten, dass das große Rinderpaar, bei dem sich weder eine augenscheinliche Ungleichheit in der Größe, noch im Geschlecht ausmachen lässt, zwingend für einen Zyklus stehen muss, der sich klar halbieren lässt. Interpretiert man nun eine Zyklenlänge von 18,61 Jahren, entfiele auf jede Hälfte ein Zeitraum von rund 9,3 Jahren. In diesem Falle über dürfte man doch beiderseits des großen Rinderpaares jeweils ein Kalbsbukranion erwarten, das jeweils für den Bruchteil von dezimal 0,3 Jahren stünde. Da das nicht der Fall ist, scheint mir die Interpretation des 18 Jahre und lediglich 10 bis 11 Tage (nach heutigem Kalender) dauernden Saroszyklus in Übereinstimmung mit ganzzahligen 223 synodischen Monaten (halber Zyklus 111,5 synodische Monate) deutlich vertretbarer.
