Kapitel V

5.6
Die ‘Mann-Stele‘ von Sitten-Petit-Chasseur

Hier nun sei kurz ein Beispiel besprochen, bei dem die anthropomorphe Stilisierung des Stelenbildes unmöglich zu leugnen ist. Es handelt sich um einen Statuenmenhir, welcher der Glockenbecherkultur in der heutigen Schweiz, Kanton Wallis, zugerechnet wird. Menschen der Glockenbecherkultur siedelten in der Schweiz etwa zwischen 2500 – 2200 v. Chr.1.

Die starke Stilisierung der Figur ist kein Zufall. Es dürfte sich um die Personifizierung eines kosmischen Prinzips handeln. Insofern könnte uns hier eine frühe Prägung menschengestaltiger Himmelsgötter in Europa entgegentreten, die nicht mehr nur für einzelne Himmelserscheinungen stehen, sondern die Gesamtheit universeller Präsenz repräsentieren.

Abb.12: Schematisierte Wiedergabe des Stelenbildes eines der kunstvoll gestalteten Plattenmenhire aus den Dolmen von Sitten-Petit-Chasseur. Vermutlich stehen die quer über der Brust dargestellten Motive von Bogen und Pfeil synonym für den Lauf von Sonne (Bogen) und Mond (Pfeil). Hier in der gleichnishaft durch den Pfeil markierten Prinziporientierung von Südwest nach Nordost (Winter- zur Sommersonnenwende) als Synonym für die halbjährlich wechselnde Stellung der Ekliptik zu beiden Sonnenwendzeiten. Diese Deutung basiert auf der Darstellung des “Sonnenbogens“ in der Steinkiste von Leuna-Göhlitzsch mit dem dort beigestellten Köcher lunar geprägter „Monatspfeile“. (Vergleiche Kapt. V/III.)

Wie genau man die einzelnen Bildelemente interpretieren muss und wie weit man dabei gehen darf, werden vermutlich erst künftige differenzierte Forschungen erbringen, die sich eingehend mit den endneolithischen, frühbronzezeitlichen Stelenbildern und Statuenmenhiren europäischer Prägung befassen. Ich kann hier erneut nur darauf hinweisen, dass wir es bei Kunstwerken dieser Art wohl generell mit einer kosmologischen Symbolik zu tun haben.

Die insgesamt viereckige Grundform des Menhirs scheint der Vorstellung von einer entsprechend viereckig begrenzten Welt geschuldet. Kopfbereich, Schultern und Arme bilden vermutlich eine kosmologische Gliederung. Darin stünde der “Helm“ eventuell als Andeutung der kosmischen Sphäre im Sinne einer räumlichen Hülle. Eher wahrscheinlich dünkt mir jedoch, dass eine wie auch immer geartete, nördliche, bogenförmige Begrenzung der Welt gemeint ist. Die Bogenform resultiert vermutlich aus der damaligen Beoabachtung, dass die Sonne im Sommer immer weiter nördlich auf- und untergeht, je weiter man nach Norden vorankommt, die Nächte also kürzer bzw. der Sonnenlauf durch die unterweltlichen Gefilde näher zur Oberfläche erfolgte. Nicht ausschließen lässt sich meines Erachtens, dass man in den Schnurkeramischen Kulturen durch sibirische oder skandinavische Rentiernomaden zumindest vage Kunde von einem nördlichen Eismeer oder Eisschild besaß. Ebenso bestand durch die zu dieser Zeit bereits weitreichenden Handelswege die Erfahrung, dass die Welt Richtung Süden immer wärmer, Richtung Norden aber immer kälter wird. Vielleicht dachte man sich also den Nordrand der Welt als eine mächtige, unüberwindbare Wand aus Eis, die bis in die Unterwelt hinabreichte. Was das Phänomen kurzer, schon im Baltikum kaum mehr richtig finster werdender Sommernächte für damalige Verhältnisse plausibel erklärt hätte.

Der “Nasenschild“ am “Helm“ deutet vermutlich die zentrale Himmelsachse oder den Nord-Südmeridian an, um den der gesamte Kosmos rotiert. Die ovale “Gesichtsfläche“ ließe sich in diesem Konzept als zirkumpolare Himmelsregion einordnen. Relativ deutlich entspricht dann der gewappnete “Oberkörper” mit Pfeil und Bogen dem Himmelssektor, der im Jahreslauf von den zodiakalen Lichterkreisläufen von Sonne, Mond und Planeten überspannt wird. Das gürtelartige Gebilde unter den Unterarmen mag entsprechend soviel wie “Grenzlinie” für die großen Himmelslichter bedeuten.

Eine Auslegung, die ihre maßgebliche Bestätigung durch den quer über die Brust gelegten Bogen mit dem sinngemäß von Südwest Richtung Nordost orientiertem Pfeil findet. Pfeil und Bogen lassen sich auch hier, wie schon in Kapt. V/3 zur steinernen Grabkiste von Leuna-Göhlitzsch erörtert, als schnurkeramische Symbole für den Mond (Pfeil) bzw. für die Sonne (Bogen) einordnen.

Logischerweise wäre dann der Bereich des “Schurzpanzers“ unter der Gürtellinie als Südhimmel einzuordnen, jenseits der Auf- und Untergangsbereiche von Sonne und Mond. Für die hier auf dem Menhir anders geartete Schuppung des Panzers vermag ich allerdings keine plausible Erklärung beizubringen. Spekulativ ließe sich überlegen, ob das mit den “Wandelsternen” in der Himmelsmitte, also den ‘Planeten’ zu tun hat, gegenüber dem ausschließlich von Fixsternen bevölkerten Südhimmel. Warum dann allerdings der “Gesichtsbereich”, den ich als zirkumpolaren Himmelssektor eingeordnet habe, ganz ohne eine Andeutung von Sternen auskommen sollte, bliebe höchst fraglich.

Seltsamerweise ist der behelmte Kopfbereich mit dem “Nasenschutz“ so auffällig mandelförmig gestaltet, dass man darin ein zyklopisches Auge mit zentral angedeuteter Pupille unter einem Brauenbogen zu erkennen meint. Zufall? Oder steht das Augensymbol für dieselbe verborgene kosmische Intelligenz, wie sie als damalige Vorstellung ja im gesamten figürlich gestalteten Menhir zum Ausdruck kommt? Nimmt man hier in Europa vielleicht schon etwas vorweg, was in Ägypten mit den Augensymbolen für Horus und Re erst viel später in schriftlichen und bildlichen Aufzeichnungen greifbar wird?

Footnotes

  1. Ernst Probst: „Deutschland in der Steinzeit – Jäger, Fischer und Bauern zwischen Nordseeküste und Alpenraum“, Bertelsmann, München 1991, S. 505, li. Sp. o. Back to footnote

Bei Fragen oder Anmerkungen können Sie mir eine E-Mail schicken an
kontakt@ikonologie-vor-fruehgeschichte.de