Kapitel V

5.5
Die Menhire von Dingelstedt und von Seehausen

Die “Statuenmenhire“ (Menhir = Langstein) von Dingelstedt und Seehausen sind einer der seltenen Fälle im deutschen Raum, vielleicht sogar der einzige Fall zweier erhaltener, vergleichbar dekorierter Menhire aus megalithischer Zeit. Was Wissenschaftler längst hätte auf den Plan rufen müssen. Erstens könnte das Dekor derart bedeutsam gewesen sein, dass man es deswegen an verschiedenen Orten dauerhaft in Stein manifestierte. Zweitens erhebt sich bei Verwendung gleicher Symbole oder Zeichen an verschiedenen Orten der Verdacht, es könne sich um eine Vorstufe oder frühe Form von vereinheitlichen Zeichen oder Symbolen mit fester Bedeutung, insofern um eine Art Hieroglyphen handeln. Zwar dürften lediglich zwei Beispiele für eine gezielte Untersuchung in dieser Richtung zu wenig sein. Vielleicht sind in Prähistorikerkreisen aber im gesamten eurasischen Raum weitere Darstellungen im megalithzeitlichen Kontext bekannt, die sich in solche vergleichenden Studien einbeziehen lassen. Drittens erhöhen zwei vergleichbar dekorierte Menhire mit leichten Variationen die Chancen für eine haltbare Deutung der eingemeißelten Motive.

Beim Menhir von Dingelstedt, Landkreis Halberstadt in Sachsen-Anhalt, handelt es sich nach Darstellung bei Archäologe Detlef W. Müller um eine sekundär verbaute Wandplatte in einem Grab der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur.1 In einem Kurzvideo auf YouTube des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle vom 15.12.2021 aus der Reihe “Museum exklusiv“ erfährt man 30 Jahre nach Müller bestätigend vom Landeschefarchäologen Harald Meller unter dem Titel: „Die Welt der Himmelsscheibe: Die Statuenmenhire von Seehausen und Dingelstedt“ (Minute 3:16 bis 3:33), dass dieser Menhir in die Zeit der Schnurkeramik zwischen 2800 – 2300 v. Chr. datiert und in einem bronzezeitlichen Grab der späteren Aunjetitzer Kultur (ca. 2300-1600 v. Chr.) als Deckenplatte Wiederverwendung fand.2 In demselben Video wird auch der Menhir von Seehausen vorgestellt. Ich erspare uns deshalb die vergleichende Beschreibung beider Menhire und konzentriere mich auf das Dingelstedter Modell, bei dem mehr Zeichen erhalten geblieben scheinen.

Ein vielleicht doch erwähnenswerter Unterschied zwischen beiden Bildsteinen besteht in der Form. Der Menhir von Seehausen ist ein rechteckiger Plattenmenhir von vielleicht 1,4 m Höhe auf 1,2 m Breite, während der eher stelenförmige Monolith von Seehausen mit “weit über drei Meter” (So Meller im oben genannten Video.) Gesamtlänge wohl nie in einem Grab verbaut war, sondern schon immer frei in der Landschaft stand. Bestenfalls wurde er im Zusammenhang mit einer Grabstätte errichtet, worauf es meines Wissens aber keine Hinweise gibt. Meller spricht in besagtem Video bezüglich des schnurkeramischen Ursprungs auch von “Memorialstelen” als Relikte kultischger Ahnenverehrung.

Beide vorgenannten Archäologen betonten in der jeweiligen Publikation die anthropomorph wirkende Anordnung der Motive auf beiden Menhiren. Mir erschien auf Anhieb auf dem Dingelstedter Menhir nichts menschenähnlich. (Was auch für den Langstein von Seehausen gilt.) Vage kam mir der Gedanke an eine kosmologische Bildhaftigkeit des Dekors.3 Erst viel später fiel mir die verblüffende Ähnlichkeit der Anordnung der unteren Motive mit dem astralen Bereich auf, den wir heute als „Goldenes Tor der Ekliptik“ bezeichnen. War das des Rätsels Lösung?

Abb. 6: Die Zeichen auf dem Menhir von Dingelstedt, stark schematisiert und vereinfacht wiedergegeben, bei ungefähr gewahrter Größenrelationen der Elemente untereinander und ihrer Position zueinander. Der Graveur hat das Himmelsabbild offenbar mit Blick nach Süden festgehalten.
Abb. 7: Auszug aus dem Astroprogramm „EasySky“, Demoversion 4.0.03 vom 04.07.2002 von Matthias Busch für die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche im Jahr -2500 und die Koordinaten von Halle/Saale. Der Frühlingspunkt (Heute Nullpunkt des Ekliptikkreises.) lag damals etwa mittig zwischen Hyaden und Plejaden. Wenn der nachts kulminierte, (den Bahnzenit durchschritt), bildeten Himmelsäquator und Ekliptik nicht nur denselben Winkel, sondern auch dieselbe Lage gegenüber dem Nullmeridian, wie die entsprechend bezeichneten Motive gemäß Abb. 6 auf dem Menhir angeordnet wurden. Im obigen Bild geht der Blick programmbedingt von Süd nach Nord (von unten nach oben).

Die beiden von mir in vorstehender Abb. 6 als Hyaden und Plejaden bezeichneten Bildelemente auf dem Dingelstedter Menhir hielt ich zuvor für Wolkenmotive. Was an „Himmel“ denken ließ. Die seltsame Ähnlichkeit des Arrangements mit der nächtlichen Himmelsregion des „Goldenen Tores der Ekliptik“ zwischen den Hyaden und Plejaden führte dann schnell zur Überlegung, ob der Schöpfer des Bildes die markanten Sternenansammlungen als „Sternenwolken“ betrachtet hatte. War das vielleicht sogar eine gängige, gleichnishafte Bezeichnung für auffällige Sternensammlungen in endneolithischer Zeit? (Frage an Prähistoriker und Hobbyforscher: „Weiß jemand von vergleichbaren Motiven auf anderen Bildmenhiren im eurasischen Raum? Meller spricht im eingangs genannten Video beim Dingelstedter Menhir von vergleichbaren Motiven im Valcamonika oder an der nördlichen Schwarzmeerküste.”)

Alternativ mag sich der Steinmetz mit beiden Motiven aber auch die Mühe erspart haben, haufenweise Sternsymbole oder Bohrpunkte zu deren Darstellung fabrizieren zu müssen. Zumal die Gefahr bestanden hätte, dass die eng beieinanderstehenden Sternenmarken einer schnelleren Verwitterung des Steins durch Regen und Frost Vorschub geleistet hätten. Vielleicht ist sogar beim Menhir von Seehausen dergleichen passiert. Dort jedenfalls scheint gerade in diesem Bereich nicht mehr viel von den einstigen Gravuren – wenn sie denn dort existierten – erkennbar. Was im Laufe der Jahrtausende aber auch auf Vandalismus oder blindem Glaubenseifer zurückzuführen sein könnte. Beim Dingelstedter Stein, wenn der von Beginn an als innere Grabwandplatte konzipiert war, sticht das Argument erhöhter Verwitterungsgefahr allerdings nicht. Man könnte dafür die Gefahr von Abplatzungen beim Einbohren vieler Löcher eng beieinander geltend machen.

Die Bezeichnung als „Sternenwolken“ würde auch deshalb einleuchten, weil besonders der kleine, kompakte Sternhaufen der Plejaden weniger scharfsichtigen Menschen wie mir mit bloßem Auge als nebulöser, wolkenartiger Lichtfleck erscheint. Andererseits ist es mir auch schon passiert, dass ich bei einem flüchtigen Blick zum Nachthimmel ohne Brille eine kleine, vom Mondlicht erhellte Wolke irrtümlich für die Plejaden hielt. Letztlich ergäbe sich, wie erwähnt, mit der beabsichtigten Wolkensymbolik für das gesamte Zeichenarrangement ein unmissverständlicher Verweis an den Himmel. Der ansonsten auf dem Stein durchaus vage bleibt.

Interessant ist nun die Formation, die zwischen den beiden wolkenartigen Motiven hindurch verläuft. Sie erinnert mich an eine hölzerne Palisade bzw. in der Draufsicht an einen Bohlensteg oder einen Knüppeldamm. Ungefähr in der Mitte dieser Formation weist der Menhir von Dingelstedt ein Viereck mit stark gerundeten Ecken aus, das man fast als Oval bezeichnen möchte. Detlef. W. Müller weist ein recht ähnliches Motiv an vergleichbarer Position auch für den Menhir von Seehausen aus.4 Zuvor auf S. 207 spricht er diesbezüglich von einem “Gürtelschloss”.5 Dessen Position harmoniert mit der Mitte zwischen den beiden wolkenartigen Motiven. Harald Meller spricht diesbezüglich im YouTube-Video der Reihe „Museum exklusiv“ des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle: „Die Welt der Himmelsscheibe: Die Statuenmenhire von Seehausen und Dingelstedt“ bei Minute 2:54 bis 3:00 sogar von einem „… breiten Gürtel, der aussieht wie ein Pistolengürtel mit einem großen Schloss …“. (Leider bleiben Meller wie Müller einen Hinweis darauf schuldig, ob solche „Gürtelschlösser“ in den schnurkeramischen Kulturen archäologisch belegt sind und woraus die gefertigt waren. So bleibt fraglich, ob die Deutung als „Gürtel mit Schloss“ haltbar ist oder von ihm lediglich als moderneres Gleichnis zur Umschreibung angeführt wurde.) Sollte ich mit der Deutung der beiden wolkenähnlichen Motive als Sternenhaufen der Hyaden und Plejaden richtig liegen, entspräche die Position des abgerundeten Vierecks, des „Gürtelschlosses“, jener des “Frühlingspunktes“ auf der Ekliptik um etwa 2500 v. Chr., als der noch annähernd mittig zwischen den beiden Sternenhaufen lag.6

Vorausgesetzt, meine Annahme vom so markierten Frühlingspunkt erweist sich nach wissenschaftlicher Prüfung als haltbar, ergeben sich für die Zeichenkette, die ich eben mit einer “Palisade“ bzw. einem „Bohlen-“ oder “Knüppeldamm“ verglichen hatte, bzw. Meller und Müller mit einem “Gürtel“, zwei Deutungsmöglichkeiten. Entweder handelt es sich um den so angedeuteten Verlauf der Ekliptik zwischen beiden Sternenhaufen hindurch oder um den Verlauf des Himmelsäquators, der die Ekliptik seinerzeit im Frühlingspunkt zwischen Hyaden und Plejaden kreuzte.

Die korrekte Einordnung des auch an heutige Metallgliederarmbanduhren erinnernden Motivs fällt mir als astronomischem Laien außerordentlich schwer. So ließe sich meine Auslegung als „Palisade“ wie auch jene als „Gürtel“ durchaus sinnvoll mit dem Himmelsäquator verbinden. Also jener sphärischen Linie, auf der für einen örtlichen Betrachter alle Sterne genau im Ostpunkt auf- und im Westpunkt auf dem Horizont untergehen. Was tagsüber auch der Sonnenbahn zu den Terminen beider Tag-und-Nachtgleichen entspricht, wenn die genau im Frühlingspunkt bzw. im Herbstpunkt und damit eben auch auf dem Himmelsäquator steht. Eine „Palisade“ wäre ein sinnvolles Gleichnis für eine gedankliche Grenze zwischen nördlicher und südlicher Himmelshälfte. Frühlings- und Herbstpunkt ließen sich darin dann als Passagen, als Tore oder Portale deuten. Ein „Gürtel“, wie er üblicherweise um die Mitte des Körpers geschlungen wird, wäre als Gleichnis für denselben Kreisbogen durch die Himmelsmitte nicht minder plausibel, das “Gürtelschloss” bezeichnete darin Anfang und Ende.

Wollte man dasselbe gegliederte Motiv um die Steinmitte hingegen als Ekliptik einordnen, würde dessen bildliche Deutung als Knüppel- oder Bohlendamm wiederum perfekt zur neolithischen Vorstellung passen, dass imaginäre Rinder mit Karren Sonne und Mond auf dem Pfad der Ekliptik über den Himmel und durch die Unterwelt bugsieren. Das ovaloid angedeute Viereck in der Mitte ließe sich, vielleicht als “große Steinplatte”, in dieser Version als Brücke über einen Landschaftseinschnitt, einen Kanal, ein kleines Fließ oder etwas Ähnliches interpretieren, was dem kreuzenden Himmeläquator entspräche. Allerdings fehlt auf dem Menhir die Darstellung eines solchen kreuzenden Elements. Daher bleibt diese Überlegung zum “Gürtelschloss” recht fraglich.

Andererseits, wenn auch ohne Verweis auf eine kosmischen “Bohlen-” oder “Knüppeldamm”, entspricht die Interpretation des kettengliedrigen Motivs als Ekliptik zumindest der gelegentlich noch in antiken Mythen der Griechen nachklingenden Vorstellung aus der Bronzezeit, Sonne und Mond führen auf Rinderkarren über den Himmel und durch die Unterwelt. Wofür, wie in vorausgegangenen Kapiteln erwähnt, auch die neolithischen bis bronzezeitlichen, rituellen Bestattungen von Rindern, Rindergespannen – teils eben auch mit Wagen und kosmischer Symbolik – sprechen.

Wie gesagt, eine klare Einordnung des gürtelartigen Motivs vermag ich nicht zu liefern. Allerdings entspricht die Position des „Gürtelschlosses“ etwa der des menschlichen Nabels bzw. der Gebärmutter. Lässt sich das stark gegliederte, gürtelartige Element vielleicht als kosmische Nabelschnur einordnen und das gerundete Viereck als eine Art Gebärmutter? Nur im eher abstrakteren Sinne eines Geburtsportals für Sterne, genauer für ekliptikale Sterne? Wobei hier der Transfer altägyptischer Vorstellungen vielleicht über die Levante, die mediterranen Inseln bzw. auch Süd- und Westanatolien in den nordpontischen Steppenraum zu unterstellen wäre, wonach die ägyptischen Könige nach ihrem Tod an eben jener Stelle des Himmels als goldene Sterne wiedergeboren wurden.7

Galten vielleicht ähnliche Vorstellungen auch in der Aunjetitzer Kultur? Erhofften sich hier Häuptlinge, Clanführer oder Himmelsweise, anders als alle einfachen Sterblichen, nach ihrem Ableben eine astrale Wiedergeburt? Dachte man sich Hyaden und Plejaden als Geburtsort aller Sterne? Oder zumindest aller ekliptikalen bzw. zodiakalen Sterne, die man als Ahnengeister der einst hehren Anführer verehrte? Lässt sich das abgerundete Viereck vielleicht als kosmisches Portal deuten, verbunden mit einem Pendant in der Unterwelt (steinerne Grabkiste, Hügelgrab etc.)? Was es den Geistern der edlen Verstorbenen ermöglichte, mit dem Rinderkarren von Sonne oder Mond von dort direkt zum Sternenhimmel zu gelangen und sich, ausgehend von den Plejaden, als Stern in den astralen Reigen einzureihen? (Immerhin würde damit der heutige Begriff „Goldenes Tor der Ekliptik“ verständlicher). Die jüngeren, solar bzw. kosmisch-mythologisch verzierten, bronzenen Radklinen und mitbestattete Karren in den späteren Fürstengräbern bieten womöglich einen Hinweis auf die Weiterentwicklung älterer Vorstellungen, wie die Eliten sich das Erreichen des Himmels vorstellten.

Die Vision vom Bereich um Plejaden und Hyaden als kosmische Geburtsstatt zumindest ekliptikaler Sterne wirkt weit weniger spekulativ, wenn man einen vergleichenden Blick auf die minoische Kultur wirft. Dort symbolisierte man die beiden Sternenhaufen oder überhaupt Sterne mit Tauben. (Siehe dazu Kapt. III/1, Abb. 1 u. 2 sowie nachfolgend Abb. 8 – 10.) Die Bezeichnung Plejaden geht sehr wahrscheinlich auf das griech. pelaiades zurück. Was als wörtliche Mehrzahl von „Taube“ sinngemäß einen Taubenschwarm meint.8 Das astrale griechische Gleichnis vom Taubenschwarm lehnt vermutlich an die ältere minoische Symbolik an. Setzt man den versammelten Taubenschwarm gleich mit „Taubenschlag“ als Heimstatt der Tauben, könnte sich das griechische pelaiades von der minoischen Vorstellung ableiten, dieser Sternenhaufen sei der „Ursprung der Sterne“. Eine kosmologische Idee, welche die Minoer ihrerseits, wenn sie denn tragbar sein sollte, wie vieles anderes auch, bei den Ägyptern abgekupfert haben dürften. (Was ich demnächst näher in Kapt. VII bei meiner Interpretation zur Prunkpalette König Narmers von Ägypten zu erläutern gedenke.)

Leider bieten diese Annahmen keine Lösung für das Problem, ob der „Gürtel“ auf dem Dingelstedter Menhir die Ekliptik bezeichnet oder den Himmelsäquator. Möglicherweise bieten die oberen Bildelemente dafür einen Lösungsansatz. So könnte doch ein Kreisring, der eine geneigte Ebene hinabrollt, so viel bedeuten wie „Kreis-Lauf“ oder gar „Kreis-Bahn“.  (Was bei Akzeptanz nichts anderes wäre als ein Logogramm, bestehend aus zwei Morphemen, also eine Urform von Schriftzeichen.) Die analog zur geneigten Ebene ausgerichtete Stielaxt bzw. das geschäftete Beil darunter könnte, wie schon geopferte megalithische Beilklingen und gravierte Beilklingenmotive (Siehe dazu das folgende Kapt. VI.), aber auch die dekorierten Steinäxte der Salzmünder Kultur, unter Vorbehalt vielleicht auch die gravierte Stielaxt im Steinkistengrab von Leuna-Göhlitzsch, symbolisch für „Finsternis“ stehen. Dasselbe ließe sich für die in Stonehenge in die großen Sarsenmonolithe eingravierten Beilkligen vermuten, mit denen man dort beobachtete Finsternisse registriert haben könnte bzw. abgelaufene Finsterniszyklen. Dann ergäben alle drei Motive zusammen: „Kreis-Lauf der Finsternisse“ oder „Kreis-Bahn der Finsternisse“. Was im Prinzip der Bedeutung des ebenfalls aus dem Griechischen abgeleiteten Wort „Ekliptik“ entsprechen würde. Möglicherweise ist der offensichtlich strahlenlose Kreisring sogar als verfinsterte (hohle) Sonne oder als verfinsterter Vollmond zu deuten.

Betrachtet man also die drei oberen Motive als bildschriftliche Erläuterung, quasi als “Begleittext” zu den unteren Bildmotiven, wäre die Auslegung des “Gürtels” als Ekliptik zu favorisieren. Zu dieser Theorie würde sogar die Schräge der geneigten Bahn und des Axt- oder Beilschaftes passen. Die entsprach in etwa der tatsächlichen Neigung der Ekliptik gegenüber dem ost-westlich verlaufenden Himmelsäquator. (Vergleiche Abb. 7.)

Verbietet sich eine solche “bildschriftliche” Auslegung der oberen Motive, bliebe für das „Gürtelmotiv“ die Deutung als Himmelsäquator im Sinne eines „Himmelsgürtels“ näher liegend. Der Kompromiss wäre dann, die oberen Motive als Symbolik der Ekliptik und die unteren als symbolisierten Himmelsäquator einzuordnen. Was insofern nachvollziehbare wäre, als es sich ja um zwei unabhängige Großkreise am Himmel handelt.

Interessant bleibt, dass auf dem Menhir von Seehausen auf die „geneigte Ebene“ unter dem Kreis verzichtet wurde. Die scheint dort durch die analog schräg gestellte Stielaxt (Beil) ersetzt worden zu sein. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass das Axt- oder Beilmotiv tatsächlich als Symbol für „Finsternis“ gelten kann und in Kombination mit dem Kreis darüber nur noch „Kreis der Finsternisse“ bedeutet, bildschriftlich vereinfacht also ebenfalls den Jahreskreis der Ekliptik bezeichnet.

Das Wissen um die Ekliptik lag Mitte des dritten Jahrtausends jedenfalls auch in Europa schon voll im Trend. So wurde etwa ein halbmondförmiges Symbol in der Mitte der steinernen Sternenkarte aus dem megalithischen Tempel von Tal-Qadi auf Malta (Heute Archäologisches Nationalmuseum Valetta, Malta.) als Symbol der Ekliptik gedeutet.9. Die maltesischen Megalithtempel begannen wohl ab etwa 2500 v. Chr. ihre Bedeutung zu verlieren. Fünhundert Jahre später war die Kultur verschwunden.10 Dort erscheint das Symbol plausibel zwischen zwei Gruppen eingravierter Sternenmotive, die bereits zuvor von Peter Kurzmann als Sternbild „Taurus“ (Stier) und als der Sternhaufen der Plejaden (Siebengestirn) gedeutet wurden.11

Ein möglicher, weiterer Hinweis findet sich etwa zur selben Zeit in Stonehenge in Südengland. Dort hatte man anfangs zwischen den großen Formationen aus Sarsensandstein einen doppelreihigen Halbkreis aus den kleineren Blausteinen installiert, der das ekliptikale Konzept der halbjährlichen Himmelsläufe reflektieren dürfte, wie nachstehend Abb. 11 hypothetisch verdeutlichen soll.

Abb. 11: Doppelreihiger Halbkreis aus Blausteinen in Stonehenge, um 2300 v. Chr. zwischen Sarsenkreis und Trilithehufeisen. (Datierung nach Geoffrey Wainwright und Timothy Darvil im Ergebnis ihrer Grabungen in Stonehenge 2008.12 Nördlich der Sonnenwendachse fand man lediglich für sieben, südwestl. lediglich für zwei Blausteine Fundamentgruben. Zwar ist die oben wiedergegebene Anordnung der Blausteine westlich der Sonnenwendachse durchaus hypothetisch, wäre es vielleicht aber wert, von britischen Archäologen mit den nachgewiesenen Fundamentgruben der Blausteine abgeglichen zu werden. Bislang publizierte Pläne zu diesem Abschnitt der Formation sind weitgehend vage oder widersprüchlich. Das hier theoretisch von mir konzipierte Gesamtkonzept, wenn es in der Absicht der Erbauer lag, entspräche möglicherweise dem halbjährlichen Lauf der Sonne vom Frühlingspunkt bei den Plejaden zum Herbstpunkt beim „Skorpion“ und zurück. Die bezeichnenden Anzahl von ausgerechnet zweimal 19 Blausteinen im Bogen östl. der Sonnenwendachse aber verweisen eher auf 2×19 Finsternishalbjahre, also auf den Saroszyklus als Kreislauf der Finsternisse auf dem Ekliptikreis. Allerdings ließe sich auch hier wieder die Gleichsetzung der zweimal neunzehn Standgruben östlich der Achse mit 38 Kalenderhalbjahren, ergo 19 Jahren im Sinne des Metonischen Zyklus nicht völlig ausschließen.

Das Sternbild „Skorpion“ wiederum findet sich bei den Ägyptern schon um etwa 3000 v. Chr. auf einer königlichen Prunkkeule dargestellt. Die man deswegen gemeinhin einem prä- oder frühdynastischen König namens „Skorpion II“ zuschreibt.13 Tatsächlich dürfte auf der Keule aber, wie manch kritische Ägyptologen vermuten 14, aufgrund der großen Ähnlichkeit der Königsfigur mit der Narmer-Palette, entweder König Narmer von Ägypten neben dem Sternbild „Skorpion“ zu sehen sein oder Lichtgott „Horus“, der eine Hacke hält. Die Hacke steht, im Zusammenhang mit dem unterhalb der Königsfigur ersichtlichen Fließgewässer, sinngemäß für „Kanal graben“, macht also deutlich, dass jenes Fließgewässer als „Kanal“ verstanden werden muss. Genauer steht besagte Figur mit Hacke oberhalb einer Kanalabzweigung. Da die Ägypter schon in den Pyramidentexten bezüglich der Ekliptik oder des Zodiakos vom „krummen“ oder „gewundenen Kanal“ sprachen15 dürfte hier der Herbstpunkt beim Sternbild „Skorpion“ als Kreuzungspunkt von Himmelsäquator und Ekliptik, alternativ der Kreuzungspunkt von Milchstraße und Ekliptik beim gleichen Sternbild gemeint sein. Wobei dann Milchstraße bzw. Himmelsäquator ebenfalls als kosmische Fließgewässer galten, vermutlich gespeist vom himmlischen Wasser Nun. Gott oder König posiert hier auf dem Keulenkopf lediglich neben dem Bild(!) von einem Skorpion, da an diesem unten so etwas wie eine Tülle zum Aufstecken auf einen Stab erkennbar ist.16 (Sternrosette und Skorpionbild beziehen sich also, abweichend von den Darstellungen einiger Ägyptologen, zumindest nicht direkt auf den danebenstehenden König/Horus. Wenn, höchstens indirekt, weil der Gott/König mit dem Sternenlicht des Skorpions oder der Stellung der Sonne bzw. des Mondes im Sternbild Skorpion zu tun hat. Deshalb kann die Figur unmöglich als König namens Skorpion oder Skorpion II identifiziert werden! Eher ist Gott Horus als Sonne, Mond oder als ein Planet im Herbstpunkt der Ekliptik gemeint.) Unterhalb der Standebene des Königs, von besagten Kanälen umflossen, scheint eine jenseitige Welt symbolisiert, das Reich der Toten, vielleicht das sogenannte Binsengefilde. Der Herbstpunkt der Ekliptik, der „Kanalabzweig“, mag auf der steinernen Prunkkeule den westlichen Übergangspunkt ins Reich der Toten versinnbildlichen, den Beginn des unterweltlichen Abschnitts der Ekliptik auf dem Westhorizont bei Sonnenuntergang. Wenn Lichtgott Horus (später Sonnengott Re) sich dort auf seiner täglichen Reise in die Unterwelt begab, bzw. in frühdynastischer Zeit vielleicht noch über das dunkle wässrige Nun von West nach Ost am Himmel zurückfuhr, wo er im Zenit des Zodiakallichts als gleichnishaft schwacher Schein der „Mitternachtssonne“ in seiner Himmelsbarke erschien.

Abschließend sei festgehalten, dass die auf beiden Menhiren dauerhaft in Stein gemeißelte Position des Frühlingspunktes zwischen den Hyaden und Plejaden als Start- und Endpunkt kosmischer Kreisläufe von Licht und Finsternis für die damaligen Himmelskundigen, die Hüter der Zeit, von überragender Bedeutung gewesen dürfte. Sowohl für kultisch-kalendarische Belange, als auch für astronomische Beobachtungen im Zusammenhang mit der Ekliptik. Ergo auch für Mondpositionen in Bezug auf die Ekliptik, anhand derer sich mögliche Finsternisereignisse vorhersehen ließen. Die gleich mehrfache dauerhafte Manifestation in den unvergänglichen Stein erwiese sich aus heutiger Perspektive als durchaus gerechtfertigt. Genauso nahe liegt dann aber auch, dass es weitere, vergleichbare Darstellungen aus dem dritten Jt. v. Chr. in Europa geben muss und entsprechende wissenschaftliche Nachforschungen in der Literatur und Archiven lohnen sollten

Für die prähistorische Forschung zur europäischen Megalithzeit ergäbe sich, sofern meine Interpretationen im Ansatz korrekt sind, eine deutliche Verdichtung der Anzeichen, dass im 3. Jt. v. Chr. hier nicht nur astrales Wissen existierte, sondern auch frühe Grundkenntnisse zur Himmelsgeometrie. All das sollte doch Ansporn für die Wissenschaftler sein, sich künftig eingehender mit Fragen der archäoastronomisch basierten Ikonologie zu befassen, denn hier tun sich vollkommen neue Horizonte auf, die unsere prähistorischen Erkenntnisse künftig in umfassender Weise revolutionieren dürften. Andererseits aber bieten sich so immer auch Möglichkeiten an, ältere Kulturzeugnisse wissenschaftlich besser verstehen und einordnen zu können.

Footnotes

  1. Detlef W. Müller: „Petroglyphen aus mittelneolithischen Gräbern von Sachsen-Anhalt“, Abb. 11 S. 209 re. Sp. in K. W. Beinhauer, G. Cooney, C. E. Guksch u. S. Kus (Hrsg.): „Studien zur Megalithik – Forschungsstand und ethnoarchäologische Perspektiven“, Beier & Beran, Mannheim/Weisbach 1999, S. 199 – 214. Back to footnote
  2. https://www.youtube.com/watch?v=gjXMPQo6KCM; zuletzt eingesehen 07.08.2025 Back to footnote
  3. Ein Foto von der Grabplatte findet sich unter https://de.wikipedia.org/wiki/Menhir_von_Dingelstedt; zuletzt eingesehen 03.08.2025 Back to footnote
  4. Detlef W. Müller, ebenda, „Petroglyphen aus mittelneolithischen Gräbern von Sachsen-Anhalt“, S. 209 Abb. 10 li. Sp. Back to footnote
  5. Detlef. W. Müller, ebenda „Petroglyphen aus mittelneolithischen Gräbern von Sachsen-Anhalt“, S. 207 re. Sp. Back to footnote
  6. Ermittelt mit der Demoversion 4.0.03 von „EasySky“ vom 04.07.2002 von Matthias Busch. Back to footnote
  7. Nach Darstellung bei Rolf Krauss: „Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen in den Pyramidentexten“, Ägyptische Abhandlungen Band 59, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1997, Abs. 124., S. 284u./285, scheint seinerzeit unter Ägyptologen noch nicht sicher geklärt gewesen, ob es ein älteres „stellares Jenseits“ gegenüber einem jüngeren „solaren Jenseits“ gab. Der Autor kommt am Ende des Absatzes zu dem Schluss, dass den altägyptischen Pyramidentexten eher ein früheres stellares Jenseits zu entnehmen sei. Wie der gegenwärtige Forschungsstand in dieser Frage ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich meine aber auch, die ältesten Zeugnisse aus dynastischer Zeit sprechen eher für eine astrales Jenseits mit dem Sternhaufen der Plejaden als astrale Wiedergeburtsstätte, zumindest was die verstorbenen Könige anbelangte. Siehe dazu meine Betrachtungen in Kapt. VII zum sogenannten “Thronfolger” im Pantherfellornat auf der Prunkpalette König Narmers von Ägypten. Back to footnote
  8. Nach Ian Ridpath: „Die großen Sternbilder – 88 Konstellationen und ihre Geschichten“, Patmos ppb, Düsseldorf 2004, S. 153 m. Back to footnote
  9. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Tempel_von_Tal-Qadi, dort mit Verweis auf Autor Markus Bautsch: „Betrachtungen zur Himmelstafel von Tal-Qadi“ in: „Journal für Astronomie“ Nr. 80. Vereinigung der Sternfreunde, Januar 2022, S. 109 bis 113 Back to footnote
  10. “Totenkult und Ende der archaischen Kultr Maltas”, Artikel S. 82 in Spektrum der Wissenschaft 02/1994, nach Anthony Bonanno, Tancred Gouder, Caroline Malone, Simon Stoddart und David Trump, www.spektrum.de; zuletzt eingesehen 27.09.2025. Back to footnote
  11. Peter Kurzmann: „Die neolithische Sternkarte von Tal-Qadi auf Malta“, Artikel veröffentlicht am 25.07.2014 auf „Archaeologie Online“ und von demselben Autor an gleicher Stelle: „Weitere Untersuchungen zur neolithischen Sternkarte von Tal-Qadi auf Malta“, Artikel veröffentlicht am 10.07.2016. Siehe: https://www.archaeologie-online.de/artikel/2014/die-neolithische-sternkarte-von-tal-qadi-auf-malta/ sowie https://www.archaeologie-online.de/artikel/2016/weitere-untersuchungen-zur-neolithischen-sternkarte-von-tal-qadi-malta/ Back to footnote
  12. Timothy Darvill, Geoffrey Wainwright: “Stonehenge Excavations 2008” in: The Antiquaries Journal 89, 2009, The society of Antiquaries of London 2009, first published online 21.04.2009; Bournemouth University unter https://eprints.bournemouth.ac.uk; zuletzt eingesehen 27.09.2025. Back to footnote
  13. Siehe unter anderem Wikipedia, Stichwort: „König Skorpion II“. Back to footnote
  14. Ebenda, Wikipedia. Back to footnote
  15. Belege und Quellen bezüglich der Bedeutung der Hacke und des „gewundenen Kanals“ bei Rolf Krauss: „Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen in den Pyramidentexten“, Ägyptische Abhandlungen Band 59, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1997, S. 14-17 u. ff. Back to footnote
  16. Vergl. Jaromir Málek: „In the Shadow of the Pyramids: Egypt During the Old Kingdom“, University of Oklahoma, 1992, S. 29, Beischrift zur Abb. des Keulenkopfes des angeblichen Skorpionkönigs, dessen einstige Existenz der Autor ebenfalls kritisch sieht. Vergl. auch Ludwig D. Morenz: „Binnenkolonisation am Beginn des ägyptischen Staates“. Eine Fallstudie zur Domäne des Königs SKORPION im späten Vierten Jahrtausend v. Chr.“, KATARAKT Assuaner Archäologische Arbeitspapiere Bd. 1, EB-Verlag Dr. Brandt, Berlin 2020, S. 62 ff.) Obendrein steht das „Skorpionbild“ mit dem Zeichen „Goldrosette“ gepaart, das nach meiner Überzeugung die Bedeutung „Stern“ hat, nicht „König“, wie manche Ägyptologen behaupten, aber als „Goldstern“ oder mit der synonymen Bedeutung „Glänzender“/“Strahlender“ übertragen natürlich auch auf den König angewandt werden kann, insbesondere auf den verstorbenen König.[(Vergl. hier Wikipedia, ebenda. Back to footnote

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