Kapitel 0

0.2
Prolog

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Wer einmal eine totale Sonnenfinsternis (SoFi) erlebt hat, erinnert sich lebenslang daran. Nicht die regionale Seltenheit des Anblicks der „schwarzen Sonne“ macht ihre Besonderheit aus. Es sind die ungewöhnlichen Begleiterscheinungen. Das gelegentliche Erkennen heller Planeten und Sterne am Tag. Das Aufflammen der magisch fahl strahlenden Sonnenkorona. Die zuvor schon ersterbenden Naturgeräusche ringsum mit zunehmender Finsternis, das Einschlafen des Windes. Die merklich zunehmende Kühle, die frösteln lässt, Gänsehaut erzeugt. Der gelblich grüne Himmel jenseits des aschgrauen, lunaren Halbschattens. Die Sekunde des letzten und ersten Sonnenstrahls vor und nach der Totalität, welche die lunisolare Ausnahmestellung auf der Ekliptik gleichsam apostrophisch einrahmen. – Erst die ungeheure Intensität der innerhalb weniger Augenblicke aneinandergekettet alle Sinne stimulierenden, vollkommen ungewöhnlichen Momente machen das kosmische Phänomen zu einem Ereignis von überwältigender, erinnerungswürdiger Faszination.

Nun stelle man sich vor, ein so seltenes, überwältigendes, durchaus auch beklemmend wirkendes Naturschauspiel ereilte Menschen weitgehend unvorbereitet in schriftlosen Zeiten. Ohne Wissen um die harmlosen himmelsmechanischen Hintergründe! Wie erging es den Menschen damals, vor vier, fünf, sechs Jahrtausenden während einer großflächig partiellen, ringförmigen oder gar einer totalen SoFi? Was vermeinten sie in der Erscheinung wahrzunehmen? Welche Vorstellungen, welche Ängste, welche Riten oder Opfer verbanden sie damit? Gab es kulturelle Unterschiede? Wie wandelte sich die Sicht auf die Finsternisse im Laufe der Zeit? Galten vergleichbare oder völlig andere Betrachtungsweisen für die nächtlichen, sich über Stunden hinziehenden totalen Finsternisse des vollen Mondes (MoFi)? Erscheinungen, die auch als sogenannter „Blutmond“ bekannt sind? Oder waren die Menschen schon damals doch gar nicht so unvorbereitet bei Eklipsen? Selbst nicht im schriftlosen Europa?

Was auch immer solche Ereignisse bei Menschen in der Jungstein- und Bronzezeit in der gesamten Alten Welt in vorschriftlicher Zeit ausgelöst haben mögen. Dem gesunden Menschenverstand nach wäre doch zu erwarten, dass wir allenthalben auf bildliche Hinweise zu derart beeindruckenden Naturschauspielen in den kulturellen Hinterlassenschaften prähistorischer Menschen stoßen. – Welcher Art auch immer. Ob als naive Kritzelei spontaner Augenzeugen, als erklärende petroglyphische Dokumentation eines lebenslang mit den kosmischen Lichterbewegungen vertrauten Himmelskundigen auf blankem Felsen oder an den Wänden megalithisch geprägter Bauwerke. Ob in Form dekorierter Keramik oder als symbolbeladene Figurinen in Stein oder Ton! Ob als realitätsnahe, klar erkennbare Wiedergabe des Ereignisses selbst oder als gleichnishafte bildliche Metapher, in der sich die damals vermuteten Hintergründe einer Finsternis, Kosmologien, mythische Erklärungen, Erkenntnisse zur Rhythmik oder die seinerzeit typischerweise begleitenden, kultischen und rituellen Handlungen etc. widerspiegeln.

Zwar wiederholt sich eine totale SoFi in einer bestimmten Region im Schnitt nur alle paar hundert Jahre. Im Verlaufe einiger Jahrtausende, im kontinentalen Maßstab betrachtet, sollten dennoch eine Reihe dieser Ereignisse schon in grauer Vorzeit zusammengekommen sein. Wo also verbergen sich die entsprechenden archäologischen Befunde in Europa? Gibt es einen einzigen, unter Prähistorikern weithin akzeptierten Beleg dafür, dass unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren ihre Beobachtungen, Gedanken oder Erkenntnisse zu einer Finsternis, ob solar oder lunar, in irgendeiner Form dauerhaft aufgezeichnet haben? Mir ist unter dieser Voraussetzung kein einziger Fall geläufig! Hat jemand tiefergehende archäologische Einblicke als ich, anders lautende Erkenntnisse, bei denen es nicht bloß um bislang zweifelhafte Fälle geht?

Totale MoFi erleben wir natürlich häufiger im Laufe unseres Lebens. Auch wenn die bei Weitem nicht so spektakulär sind wie eine totale SoFi, zeigt doch die überlieferte Bezeichnung „Blutmond“, dass das temporäre, kupfern bis bernsteinrötliche Leuchten des Vollmondes schon immer Phantasie und Ängste der Menschen anregte. Genau dafür existiert durchaus ein eindeutiger, prähistorischer Beleg. Der stammt jedoch nicht aus Europa, sondern aus der Nilkultur des oberen Ägyptens. Es handelt sich um ein uraltes Symbol auf einer Keramikscherbe aus der ersten Hälfte des 4. Jt. v. Chr. und um einen die altägyptische Kultur maßgebliche bestimmenden Mythos, der mit dem Symbol verknüpft war.

Die Rede ist vom Mythos um das zeitweilig ausgerissene Mondauge während des kosmischen Kampfes zwischen Lichtgott Horus und seinem Bruder Seth, dem urgewaltig brachialen Gott kosmischen Chaos. Das Gleichnis vom ausgerissenen Mondauge impliziert die temporär verbliebene, linke, leere, „blutige Augenhöhle“ des Horus, denn dessen rechtes Auge galt als Sonne. In dieser Metapher einer totalen MoFi könnte sich der Ursprung der verbreiteten Mär vom „Blutmond“ begründen. Das Symbol dieser Tat des Seth, die Verherrlichung seines lediglich temporären Sieges über den Lichtgott Horus – denn das Auge wurde alsbald von Mondgott Thot wieder geheilt – dokumentierten die alten Ägypter über wenigstens drei Jahrtausende hinweg zumindest bildlich in der „roten Krone“ altägyptischer Könige. Ob es diese Krone jemals in der Realität gab, ist fraglich. Wenn, bestand sie eventuell aus dünnem, gerolltem, rötlich schimmerndem Kupferblech oder aus rot gefärbtem Leder, so die Vermutung von Experten.

Wie auch immer. Dieses Insigne ägyptischer Königsmacht symbolisierte, so meine Überzeugung, eben jene blutige, leere Augenhöhle des Horus mit dem daraus hervorragenden, am Ende spiralig eingerollten Sehnerv.  Eine Deutung, die mir zwar im höchsten Maße naheliegend erscheint, für die ich dennoch nirgends in der ägyptologischen Literatur eine Bestätigung finden konnte. Analog dazu bietet die prä- und frühdynastische wie auch die altägyptische Ikonographie zum Thema Finsternisse zahlreiche weitere Metaphern und Gleichnisse, von denen ein Großteil, wie es scheint, von den Ägyptologen bislang nicht als finsternisrelevant bzw. zum Horus-Seth-Mythos gehörig erkannt wurde.

Wenn aber Heerscharen von Ägyptologen, Papyrologen, Linguisten, klassischen Altertumsforschern und Archäoastronomen bis auf den heutigen Tag zahllose finsternisrelevante Sinnbilder in der schriftbasierten Nilkultur übersehen konnten, was mag dann erst in der gesamten Alten Welt in den schriftlosen Kulturen alles an ikonografischen Zeugnissen vollkommen unverstanden bzw. völlig unkommentiert innerhalb der prähistorischen Forschung geblieben sein, das uns Fundamentales über die astrokalendarischen und kosmologischen Kenntnisstände in vor- und frühgeschichtlichen Kulturen auch im schriftlosen Europa hätte vermitteln können?

Eine weitere, wie ich meine, grandiose Bildmetapher unter vielen ist das Logo meiner Internetseite. Das Motiv des kretischen, minoisch-mykenischen Oktopus mit überdimensionierten Augen und zwei Paar diametral gekreuzter Fangarme. Das maritime Motiv des Kraken taucht in variablen Formen vor allem auf sphärisch geformten Keramiken wie Vasen, Kannen, Krügen und Flaschen auf. Keineswegs alle, aber einige Exemplare weisen die diametral gekreuzten Fangarme auf. Die symbolisieren allegorisch die beiden diametral auf dem Kreis der Ekliptik umlaufenden Finsternisknoten, die dem Pfad der Sonne unter den Sternen folgen. In ein, zwei Fällen erkennt man deutlich die gegenständigen, an das griechische Omega erinnernden, schlaufenförmig arrangierten Fangarmenden. Ähnliche Zeichen verwenden wir bis heute als Symbol für den auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn, einmal mit der Öffnung nach oben, einmal nach unten.

Die in der Regel bei den Minoern überdimensional groß dargestellten Augen der achtarmigen Kopffüßer symbolisieren „Sehen in der Finsternis“. Sie meinen im übertragenen Sinne „seherische Fähigkeiten“. Die typisch kreisförmig ausgebreiteten acht Fangarme lassen, in Verbindung mit den sphärischen Formen der bildtragenden Gefäße und der Knotensymbolik der paarig diametral gekreuzten Fangarme, kaum Zweifel an einem sinnbildlich kosmisch-ekliptikalen Bezug des Motivs. – Trotz maritimen Begleitdekors wie Fische, Korallen oder Muscheln. Alles in diesen palatialen Kunstwerken maritimen Stiles verweist auf orakelhaftes Weissagen von Finsternissen durch minoische und mykenische Eliten auf der Basis ekliptikalen Wissens.

Das maritime Dekor indes suggeriert eine deutlich weitergehende Symbolik in Bezug auf „prophetisches Sehertum“. Denkbar ist, darin einen Hinweis auf versuchte Weissagungen von Erdbeben durch minoische Eliten sehen zu müssen, galt doch später auch der griechische Meergott Poseidon als „Erderschütterer“, als Verursacher von Erdbeben und Tsunamis. War dem so, lässt sich erahnen, wie sehr das Santorininferno im späten 17. Jh. v. Chr., das infolge des Vulkanausbruches auch Kretas bewohnte Küstenregionen mit extrem verheerenden Tsunamiwellen heimsuchte, die minoische Glaubens- und Götterwelt und damit die Macht bzw. das Vertrauen in die elitäre Führungsschicht nachhaltig erschüttert haben könnten.

Wie schon das ebenso palatiale, Jahrhunderte ältere, florale Motiv der achtblättrigen Rosette, das unter anderem als Stempelmotiv auch den berühmten Diskos von Phaistos ziert – der zu den letzten großen Schrifträtseln Europas zählt –, steht das progressivere Motiv des achtarmigen Oktopus im sogenannten Marine-Stil aus der Mitte des 2. Jt. v. Chr., als weit vielschichtigere, maritime Metapher, für eine kosmische Achtteilung. Da das Motiv oft doppelt auf den bauchigen Gefäßen erscheint, ist auch eine sechzehnfache Gliederung denkbar wie sie zeitgleich verbreitete, sechzehnblättrige Rosettenmotive suggerieren. Fraglich ist, welche Gliederung? Die des solaren, des lunaren, eines lunisolaren oder gar eines lunar-venerischen Kalenders? Galt sie der Ekliptik? Dem Tierkreis? Dem Horizontkreises? Dem Venuszyklus? Galt sie für alle diese Dinge? Hat sie mit dem berühmten Motiv des „kretischen Labyrinths“ zu tun, einer gleichnishaft-kosmologischen Verbindung von acht hin und her pendelnden, bogenförmigen Linienzügen zwischen ausgerechnet sechzehn Ausgangspunkten?

Zumindest eine Teilantworten darf erwarten, wer begreift, dass die 45 unterscheidbaren Stempelmotive auf dem Diskos von Phaistos und ein zusätzliches Ritzzeichen auf der Tonscheibe, der sogenannte „Dorn“, weder ein Buchstaben-, noch ein komplettes Sprachsilbenalphabet sein können. Es handelt sich eher um eine von vornherein gleichnishaft auf 45 Zeichen beschränkte Auswahl an einzeln zu dechiffrierenden Ideogrammen. Die, in ihren variablen Gruppierungen mit gelegentlichen Doppelungen gemeinsam entschlüsselt, astrokalendarisch durch den acht- oder sechzehnfach geteilten Jahreskreis führen. Denn acht Kreisabschnitte je 45 Grad Weite, 8 (Rosettenblätter) x 45 (Zeichen), entsprechen der Kreiszahl 360(°), der vollkommenen Flora eines zur Entstehungszeit des Diskos zwischen etwa 2000 bis 1700 v. Chr. vielleicht noch weiblich gedachten Kosmos in der Vorstellung der Minoer. Nur, der Jahreslauf der Sonne beschreibt den 360-Grad-Zirkel in der Regel binnen 365 Tagen. Rechnet man also nicht nur mit den 45 verschiedenen Stempelmotiven, sondern integriert den „Dorn“ als gelegentlich eingefügtes 46. Zeichen in diese Betrachtung, ergibt sich mit 5 x 46 + 3 x 45 = 365 passenderweise besagte Jahreszahl. Wiederum über die rechnerisch achtfache Teilung des Lichterreigens. Eine allegorische Produktsummenbildung, die zugleich erklären dürfte, warum in wenigstens einem Fall des vier Mal auf dem Diskos erscheinenden Rosettenmotivs, drei der acht Blütenblätter punktiert dargestellt wurden. Weitere Stempelfiguren wie der „Strahlende“ (Kopf mit Haarcrest) oder der „Glatzkopf“ mit Analemma-Tattoo auf der Wange, mutmaßlich Symbol der Ekliptik, versinnbildlichen dann schon fast zwangsläufig dazu passende, konträre Elemente wie „Licht“ und „Finsternis“, „Sonne“ und „Vollmond“ bzw. „Sonne“ und „Neumond“ oder Ähnliches. Ja, es wäre gar zu fragen, warum das Rosettenmotiv ausgerechnet vierfach auf dem Diskos erscheint, dreimal vor- einmal rückseitig? Könnte der geistige Urheber der Glyphen damit auf einen vierjährigen Rhythmus verwiesen haben, ähnlich unserem Kalendrrhythmus heute? Bei dem jedes vierte Jahr 366 statt 365 Tage zählt? Muss also für drei Rosetten wie oben mit dem Ergebnis 365, für die umseitig vierte Rosette aber: 6 x 46 + 2 x 45 = 366 (Tage) gerechnet werden?

Ich denke, es ist möglich, die Sinn der Zeichengruppen auf dem Diskos von Phaistos in relativ kurzer Zeit weitgehend im Zusammenhang zu dechiffrieren. Wenn denn die diversen Fachgelehrten endlich dessen archäoastronomischen Inhalt akzeptieren und systematisch in diese Richtung forschen wollten. Zumal diese Deutungsrichtung bereits mehrfach begründet von verschiedenen Forschern vorgeschlagen wurde.

Die archäoastronomisch basierte Ikonologie, so mein unerschütterliches Fazit, als ein dringend erst noch an Museen, Universitäten und Forschungsinstituten der gesamten Alten Welt zu etablierendes Teilgebiet der prähistorischen Forschung, ist der Schlüssel zum Verständnis einer Vielzahl bislang unverstanden gebliebener bzw. wissenschaftlich gar nicht interpretierter vor- und frühgeschichtlicher Bildzeugnisse, Artefakte und Bauwerke. Mir blieb auf der Suche nach Antworten zu einer Reihe großer und kleinerer Rätsel der Archäologie nichts anderes, als weitgehend auf mich selbst gestellt den Dingen auf den Grund zu gehen. – Zu meinem Leidwesen nicht immer mit dem befriedigenden Ergebnis eines klaren Beweises.

Meine Herangehensweise an die Dinge, meine laienhafte Forschungsweise anfänglich eher intuitiven „Erahnens“ astronomischer Hintergründe in den prähistorischen Bildzeugnissen; das „Herantasten“ an teils sehr komplexe Zusammenhänge und vielschichtige Hintergründe; meine oft auf begrenzter Quellenlage, angelesenem archäologischen wie astronomischem Halbwissen basierenden, teils spekulativen, gleichsam eher “seherischen” Schlussfolgerungen; das aus allen diesen Unzulänglichkeiten resultierende, jahrelange einsame „Kreisen und Ringen“ um eigenes Verständnis; die Reduktion der eigenen „Erkenntnisse“ auf die begrenzten Erkenntnismöglichkeiten der Menschen in prähistorischer Zeit die ihrerseits jedoch ständiger Entwicklung unterlagen; schließlich das Resümieren einer zumindest für mich vertretbaren, weil in sich möglichst widerspruchsfreien Lösung oder doch wenigstens eines solchen Lösungsansatzes zu den oft stark abstrahierten ideographischen Bilderrätseln mit stets archäoastronomischem Hintergrund –, all das, meine ich, symbolisiert das kosmologisch-seherisch apostrophierte Motiv des kretischen Oktopus mit den übergroßen, gleichermaßen Neugier wie Erkennen und Staunen ausdrückenden Augen geradezu perfekt.

Logischerweise bedeutet all das auch, dass meine hier erst nach und nach in eigenständigen Kapiteln publizierten Erkenntnisse keinen wissenschaftlichen Standards entsprechen, häufig der korrekten wissenschaftlichen Terminologien entbehren, meine Schlussfolgerungen überzogen, voreilig, stark vereinfachend oder zu stark verallgemeinert sein können, sie allesamt ihrer wissenschaftlichen Akzeptanz harren bzw. – was hoffentlich nur in Ausnahmen, vielleicht in einigen Detailansichten vorkommt – wissenschaftlich gar zu verwerfen sein könnten.

Wenn das für dich akzeptabel ist, bist Du hier richtig. Du findest auf meiner Seite definitiv ernst gemeinte Antworten zu diversen archäologischen Rätseln der Vorgeschichte. Ganz sicher keinen Bullshit! Keine Fakes, keine UFO, keine ETI, weder absurde Zahlenakrobatik noch esoterischen, parawissenschaftlichen Stuss. Interessiert?

Bei Fragen oder Anmerkungen können Sie mir eine E-Mail schicken an
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